WGT 2017 – Aller guten Dinge sind drei

Das WGT rückt näher. Die Ankündigungen im April waren eher nicht so nach meinem Geschmack, weshalb ich mich etwas zurückgehalten habe. Nun haben wir den Salat, denn es gibt noch einige wirklich spannende Sachen.

Zuallererst GENE LOVES JEZEBEL. Die Brüder Michael und Jay Aston gehören zu den 80er Gothics, die heute nicht mehr allzu viele Szenegänger kennen. Durch Zufall vielen mir mal die beiden ersten Alben „Promise“ (1983) und „Immigrant“ (1985) in die Hand, die man wirklich als düster bezeichnen kann. Musikalisch erinnert die Musik am ehesten noch an die frühen The Cure, doch der klagende Gesang ist schon einzigartig. Mir ist klar, dass der für manchen sicher das Ausschlusskriterium ist, ich machte das theatralische „Gejaule“ von Anfang an. Leider wurde die Band nach dem guten Anfang immer poppiger und beliebiger, schon die 12“ „The Motion Of Love“ von 1987 konnte mich nicht mehr so recht überzeugen, auch wenn der typische Gesang durch die lichte Pophymne dringt.

Bei Discogs ist zu lesen: There are currently two different groups called Gene Loves Jezebel, each fronted by one of the Aston brothers. Jay owns the copyright to the name in the UK, Michael owns the copyright in the US. Hm, und wer ist nun in Leipzig??? Schauen wir mal vorbei und bilden uns vor Ort eine Meinung.

Neben Gene Loves Jezebel spielen aus der 80ies Goth Riege noch SKELETAL FAMILY, die in den 1980ern eigentlich nur zwei Alben veröffentlicht haben, und dann noch einmal Mitte der 200er Jahre aus der Versenkung aufgetaucht sind. Aktuell hat Sängerin Anne Marie Hurst ein „Skeletal Family Acoustic“ Album am Start.

Rhythmusbetonte Tanzmusik

Kommen wir zur „Altenburg-Fraktion“, Künstlern, die ich meist auf dem Elektroanschlag-Festival in der thüringischen Stadt gesehen habe. Beim ersten Künstler, THIS MORN‘ OMINA, ist das zwar nicht der Fall, aber auch die Belgier um Mastermind Mika Goedrijk machen das, was man als intelligente Tanzmusik bezeichnen könnte. Wobei der Schwerpunkt bei THIS MORN‘ OMINA auf Tribal / Ritual-Elementen liegt, die auch durch entsprechende Projektionen verstärkt werden.

Die Landsleute von HYPNOSKULL (B) pflegen hingegen eine sehr harte, „nackte“ Spielart des Rhythmus Industrial, der mit allerhand Sampels angereichert wird. Patrick Stevens, der sein Projekt seit 1992 betreibt, weiß, was er tut: Er ist auch als Sona Eact aktiv und war Mitstreiter von Dirk Ivens und Eric Van Wonterghem bei Sonar.

Der Name SYLVGHEIST MAËLSTRÖM klingt für mich zwar irgendwie schwedisch, tatsächlich stammt der Mann hinter der Technik, der sich Julien Sylvgheist nennt aber aus Frankreich. Seit 2010 hat das Projekt drei Alben veröffentlicht, die letzten beiden auf dem HANDS-Label. Damit dürfte klar sein, was den Hörer erwartet: Rhythmusbetonte, elektronische Musik zum Tanzen. Persönlich finde ich, nach dem, was ich bisher gehört habe, die aktuellen Sachen von SYLVGHEIST MAËLSTRÖM eher relaxter Natur, auch wenn die Beats ganz schön rumpeln.

Der Ansatz von Hendrick Grothe alias BLAC KOLOR gefällt mir etwas besser, das hat mehr Drive. Fette Rhythmen, die vorwärts drängen und eine insgesamt düster-technoide Grundstimmung lassen das Tanzbein zucken. Bisher hat BLAC KOLOR zwei Alben veröffentlicht, beide bei Basic Unit Productions, dem Label von Daniel Myer & Wolfgang Thumbs.

Apropos Daniel Myer: Der umtriebige Soundtüftler (u.a. Haujobb und Architekt) ist in Leipzig mit dem nagelneuen Projekt RENDERED am Start. Wer will kann sich die Kollaboration mit Clément Perez /14Anger) bereits auf Soundcloud anhören. Sehr rhythmisch mit leichtem EBM Touch. Aus meiner Sicht allerdings nicht allzu aufregend.

Post Punk Power

Kein Geheimnis dürfte sein, dass ich als Joy Division Fan auch Post Punk gern höre und da hat das WGT einiges Interessantes zu bieten, auch wenn ich von den meisten Bands zuvor nichts gehört hatte.

Der Name BLEIB MODERN war mir immerhin schon mal untergekommen, auch wenn ich an eine dieser neuen Minimal Bands denken musste. Ist aber falsch: Das Quintett macht sehr schnieken Cold Wave mit Einsprengseln bis hin zum Noise Rock. Und produktiv ist man dazu auch noch: Seit 2015 sind schon drei Alben erschienen, in diesem Jahr „Antagonism“ auf dem Berliner Label Black Verb Records.

Ebenfalls aus Deutschland stammen HOLYGRAM. Die Musik ist etwas lichter und träumerischer als die von Bleib Modern, eignet sich aber auch gut zum melancholischen Tanz mit sich selbst.

https://www.youtube.com/watch?v=hGZpxZ31n7o

Solcherart ungotische Unternehmungen konnte ich bei den Herren von SOFT KILL nicht feststellen: Da tauchen zwar allerhand weitere Projekte der viel beschäftigten Musiker auf, alles aber eher ziemlich dunkel, so wie die finsteren Doom Metaller von Buried At Sea. SOFT KILL selbst beschreiben sich mit der wunderschönen Alliteration „Portland Post Punk“ und dem gibt es eigentlich nur noch hinzuzufügen, dass hier Fans der früheren Phase von The Cure aufhorchen werden.

Einen Teil ihrer Inspiration dürften sich auch die Herren von LEA PORCELAIN bei den Briten geholt haben aber hier sind keine Epigonen am Werk. Die beiden Herren aus Frankfurt am Main machen ihr ganz eigenes Ding und ich muss sagen, nachdem ich bei dem Namen mit irgendeinem albernen deutschen Gruften-Mist gerechnet hatte, war die Überraschung umso größer, hier richtig tolle Musik zu hören. Ganz besonderer Pluspunkt ist die fantastische Stimme von Markus Nikolaus, die zur Musik passt wie die berühmte Faust aufs Auge zum melancholischen Gitarren-Sound.

Nicht wirklich passend finde ich hingegen den Gesang bei INVSN. Vielleicht liegt’s ja am ungewohnten schwedischen Idiom? Prinzipiell finde ich es ja gut, wenn Musiker in ihrer Landessprache singen aber Dennis Lyxze, der witzigerweise aus der Hard Core Szene kommt, klingt mir zu schmuseweich. Die Damen sehen das vielleicht anders. Insgesamt ist mir die Musik von INVSN aber etwas zu fröhlich für Post Punk, da hilft auch die Joy Division Basslinie nichts.

Folge dem Folk

Neben all dem „Krach“ und Düsterzeugs leihe ich mein Ohr auch gern allem, was als „Folk“ durchgeht. ARCANA OBSCURA passt da gerade noch so rein, werden hier doch Folk Sounds mit modernen Rhythmen verbunden, ganz ähnlich wie bei Qntl. Nicht auf Dauer mein Ding aber durchaus hörenswert.

Da gefallen mir die schwedischen FORNDOM schon besser, die sich auf traditionelle Instrumente beschränken und eine sehr mystische Stimmung erzeugen, die den Zuhörer in vergangene Zeiten abtauchen lässt.

https://www.youtube.com/watch?v=eNt82XUoozk

Währen Forndorm sich auf nordische Traditionen berufen, spielen bei PERCIVAL aus Polen die slawischen Wurzeln eine wichtige Rolle. Dass die Slawen als recht wildes Volk bekannt waren, wird in der Rock-Attitüde, die sich mit „mittelalterlichen“ Klängen mischt, deutlich. Sängerin Kristina Bogdanova würde auch in jeder Metal Band eine gute Figur abgeben.

Ein ganzes Stück theatralischer am Rande zum Kitsch geben sich da die Herrschaften von TROBAR DE MORTE. Den Gesang der Spanier hätte man früher als Heavenly Voices bezeichnet, musikalisch ist das Ganze eine Art Neo Classic-Mittelalter-Mischung.

Die aus St. Petersburg stammenden THEODOR BASTARD fixieren sich nicht auf slawische Einflüsse, ihre Musik ist eine Weltmusik im Sinne von Dead Can Dance, manchmal auch mit Einflüssen aus Pop und Rock. Die Band um Sängerin Yana Veva und musikalisches Mastermind Fedor Svolotch hat bereits mehr als zwei Hand voll Alben veröffentlicht und füllt in ihrer Heimat auch größere Veranstaltungsorte. In Leipzig traten THEODOR BASTARD schon zweimal im Schauspielhaus auf und lieferten dabei beeindruckende Shows ab. Wer die Russen bisher verpasst hat, sollte diesen Fehler nicht noch einmal machen…

Der Folk von IN GOWAN RING lässt sich eigentlich gar nicht einordnen. Will man der poetischen Musik von Bobin Eirth aka B’eirth oder einfach Bee überhaupt einen Stempel aufdrücken, würde vielleicht Neo-Hippy passen. IN GOWAN RING hat seine Wurzeln in amerikanischen Singer Songwriter-Traditionen ebenso wie im mittelalterlichen außereuropäischen Liedgut. Die traumhaft-melancholischen Melodien und die sanfte Stimme Bees verzaubern und lösen den Hörer aus seiner Zeit. Auf keinen Fall verpassen!

SPIRITUAL FRONT sind nicht halb so ätherisch, bei den Italienern geht es immer körperlich zu. Ihre Musik ist echte Tanzmusik, die auch unseren Großeltern gefallen hätte: Hier Tango, dort Walzer, da Rumba. Was sich ein wenig antiquiert anhören mag, ist im Gegenteil extrem lebendig. Dafür sorgt schon Sänger Simone Salvatori, der mit seinem Charme und seiner Ausstrahlung jedes Publikum um den Finger wickelt.

Vermischtes – von Metal bis Massive

So, dass waren erst einmal die großen Blöcke. Hinweisen möchte ich noch auf einige weitere Künstler, die man sich anschauen könnte. Da wären zum einen die griechischen Metaller von ROTTING CHRIST. Da in diesem Jahr eine ganze Reihe aus meiner Sicht peinliche Pagan Metal Bands am Start sind, sollten es die Herren nicht allzu schwer haben, mit ihrem Occult Metal positiv aufzufallen. Zudem sind ROTTING CHRIST seit über 25 Jahren aktiv, ihr Stil hat sich immer mal wieder geändert, hörenswert ist die Musik aber auf jeden Fall.

Machen wir eine 180-Grad-Drehung vom Metal zum Synth Pop. Der ist ja eigentlich nicht so mein Ding aber bei den schwedischen KITE gefällt mir der Analog Sound und die etwas quäkige ganz gut, eben weil das Ganze nicht so superglatt ist. Auf jeden Fall wissen die Schweden, was sie tun und sie haben ein gutes Gefühl für schöne Melodien.

Musikalisch in eine ähnliche Richtung, wenn auch viel näher am Mainstream, bewegen sich MASSIVE EGO aus Großbritannien. Der aufgebohrte 80er Synth Pop ist nun wirklich nicht weltbewegend aber Frontmann Marc Massive ist so ein krasser Typ, allein das muss man honorieren.

So, dass war’s erst einmal. Sobald die Pläne raus sind, gibt’s noch mal eine Meldung von mir. Sicher werde ich wieder nur einen Bruchteil der interessanten Bands sehen können…
Wir sehen uns in Leipzig!

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