V.A. – U.S. Bestial Forces (3CD, L. White Records)

US Bestial Forces

Schon das Cover lässt nichts Gutes vermuten: Ein Gehörnter reißt dem Gekreuzigten den Kopf runter. Das Motto des Samplers lautet: „In Nothing We Trust!“ Nein, positive Energieen sollte man von den „Bestial Forces“ nicht erwarten. Drei CDs voll mit Power Electronics aus den USA. 50 Projekte, die kein Erbarmen kennen. Das ist wirklich nur etwas für ganz harte Burschen. Doch auch für die Musiker ist es nicht leicht, sich hier hervorzuheben. Denn das Genre Power Electronics kennt wie so viele andere auch ein klassisches „Kochrezept“, das die Aktiven meist nur geringfügig variieren. Im elektronisch bestückten Hintergrund ist meist ein druckvoller Krach zu hören, besonders beliebt ist die „wall of sound“, also die akustische Vollspektralklatsche. Dazu schreit meist ein männlicher Protagonist sich Hass, Wut und Frustration von der Seele, nicht selten so verzerrt, dass man es kaum versteht. Manchmal ist es auch gut, dass es so ist, denn nicht nur an sich nette Menschen sind mit ihrer Lebenssituation und dem Zustand der heutigen Gesellschaft unzufrieden. Aber was soll’s, PE, wie der Fachmann sagt, ist ein kontroverses Metier.

Einzelne Stücke hier herauszuheben wäre sicher nicht nett, schließlich hat jeder seine/n Favoriten. An dieser Stelle soll eher darauf eingegangen werden, welche Strategien die Künstler verfolgen, um sich aus der Menge hervorzuheben und die könnten nicht unterschiedlicher sein. RICHARD RAMIREZ gelingt dies, indem er uns an schwulem Sex teilhaben lässt. GENOCIDE LOLITA samplen die bekannte Melodie von „Turn! Turn! Turn!“ von den Byrds. VIOLET PINK zeigen sich von der extrem noisigen und aggressiven Seite. FRAILTY OF ANGELS mischen den Krawall weit nach hinten und rücken dadurch ihre beschwörenden Texte in den Vordergrund. MAGIA NUDA schreien verzerrt vor einem eher hypnotischen Hintergrund-Sound. R.S.P. erfreuen uns mit Black Metal-Gekreisch. KOUFAR reichern ihren Krawall mit arabischem Gesang an und lassen sich auch Zeit für Breaks. THE VOMIT ARSONIT unterlegen ihre extremen Sounds mit geloopten Klavierklängen. NYODENE D. bauen ein Glockenspiel in ihr Stück mit ein, auch die Stimme des Protagonisten ist besonders auffällig, weil ein wenig weinerlich. Mit HIERCHISS, RAPE-X FEAT. MISSY MOST und CUNTING DAUGHTERS beteiligen sich sogar ein paar Damen am Sampler, die Stimme bei letzteren erinnert seltsamerweise ein wenig an Anne Clark. GOATLAB ihrerseits fallen durch extreme Power auf. CORPUSCULE lassen im Hintergrund ein Orgel dröhnen. SHARPWAIST fallen mit einem langen Introsample und den Geigenloops aus der Rolle. XIPHOID DIMENTIA brennen sich mit industriellen Klängen, einem tiefen Bassdrone und allerhand baustellenartigen Geräuschen in Gehör und Gehirn. STREETMEAT lassen es hingegen ordentlich pfeifen und COREPHALISM schmeißen gleich die Hirnsäge an. PHARMAKON greifen zur verzerrten Doom-Gitarre und hämmern auf den Amboss, auch hier wird schwarzmetallisch gekreischt. SLOGUN, sicher einer der bekanntesten Vertreter des Genres, lässt uns an einem primitiven Ritual teilhaben; sicher eines der eindrucksvollsten Stücke. GRAMMAR SIZE, die als eines der wenigen Projekte überhaupt einen Rhythmus einsetzen, haben sogar ein gewisses Hitpotential; allerdings nur dort, wo sonst auch Genocide Organ zum Tanzen gespielt wird. BLESSES SACRIFIST schmirgelt und schimpft über einer angenehmen Ambientfläche. WOLVERINE CARCASS verwirren mit Loops, die regelmäßig „abbrechen“, das Rumgeschreie dazu kommt aus der tiefsten Tiefe der Seele…

Wir sehen, es gibt schon einige Möglichkeiten, Schema X abzuwandeln, auch wenn dadurch keine komplett andere Musik entsteht. Es ist wie es ist: Entweder man liebt oder man hasst Power Electronics. Für die ersteren ist diese Compilation der ultimative Überblick über die Szene in den Staaten mit all ihren lichten, dunklen und auch braunen Seiten. Wer mit der Musik nichts anfangen kann, wird hier sicher nicht bekehrt, dafür ist der Sound einfach zu extrem. Machen wir uns aber nichts vor: Das Kreisch, Quietsch, Scherbel, Kratz, Klopf hat auf der anderen Seite schon ein wenig von seiner Schockwirkung verloren, musikalisch innovativ ist es auf Dauer nicht. Das ist nicht schlimm, wer’s aber etwas experimenteller mag, wird jedoch gelangweilt sein. Immer nur S/M-Sex wird sicher auch mal öde. Lasst uns alle mal wieder kuscheln!

zurück

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.