Sarah Weizmann / Mädchen June – Facava Hopeful Fog (CDR, Vernom Laternenlicht Produktion)

Sarah Weizmann / Mädchen June

Es ist getan, ein neues Album, welches sich nicht einreihen werden wird in die Geschichte der schönen Tonkunst. Facava hopeful fog ist zu unnahbar aber auch wieder sehr süß im Anblick seines zweifelhaften Schattens. Lärmende Gewänder, durchziehen eine klingelnde verspielte Landschaft, wie Spitzweg und Dahl im Rausche des Laudanum. Es gibt keine Dunkelheit, es ist die Wucht des angsterfüllenden Licht, welches die Geborgenheit raubt und uns vom Glauben abbringt was gutes haben zu müssen, so lange wir noch am Leben sind. Keine Musik ist das Motto im Herzen, keine Fragen nach Sinn und Nutzen, nur eine Geschichte, erzählt von Sarah Weizmann die Begründerin von den The Neverland Stars. Sie macht Jahre vor ihrer Schaffenszeit eine Reise von West nach Ost, eine unheimliche Macht Namens Facava, der Sturm der Hoffnungslosen zerstört das Land an der russischen Pazifikküste. Kinder sterben, Frauen ertrinken in ihren Tränen. Die Leber der Männer zerplatzen vom bösen Wasser. Der Sturm der Schleier des Schmerzes zieht über den Pazifik. In Helena erreicht er seinen Höhepunkt und hinterlässt eine Agonie die bis heute das Land befällt. Sarah erzählt ihr erlebtes auf dieser Reise, es ist eien Findung zu ihrer eigenen Urangst, die Angst vor sich selbst. Mit diesen Eindrücken, baut sie mit ihren späteren Mann John Wilbur, konzeptionell “The Neverland Stars” auf. Es ist der Anfang aber nicht das Ende. Nur die Kinder weinen nicht mehr, denn die Zungen sind verquollen, die Frauen schreien nicht, denn ihre Kehlen sind blutig, nur die Alten schauen müde über das Meer und erkennen den Erzähler der Lügen.

Selbstbeschreibung des Künstlers

Auf der Rückseite der CD (oder besser DVD)-Hülle prangen mehrere Button, zwei davon warnen den Hörer: „keine Musik“ und „destruktive Gehör Kunst“. Die neueste Veröffentlichung aus dem Hause Mädchen June lässt keinen Zweifel daran, sie will nicht gefallen und auch keine Erwartungen bedienen. Das war zwar noch nie die Sache des Künstlers aber diesmal geht er noch einen Schritt weiter und lässt das Melodiöse ganz außen vor. Die sieben Stücke (plus ein Remix) sind elektronische Miniaturen, Soundtracks für ganz eigentümliche Kopffilme, die ein ganz eigenes Universum aufspannen. Diese Universum zu betreten ist dem Hörer kaum möglich, er wird nicht magisch angezogen, sondern er bleibt außen vor. Bei all dieser Unnahbarkeit entsteht doch eine gewisse Faszination, wie beim Betrachten einer fremden Lebensform, die einerseits Angst macht, andererseits aber das Interesse zur Erkundung weckt. Für Mädchen June-Veröffentlichungen muss man eigentlich eine ganz eigene Kategorie aufmachen. Wie sollte man diese Klänge irgendwo zwischen Planetenton, Spieluhrklingeln und elektronischer Psychedelica beschreiben?

Hätte Mädchen June einen musiktheoretischen Hintergrund, fänden seine Werke sicher einiges mehr an Beachtung, doch hier ist ein „Laie“ am Start, der unbeirrt seine Visionen in Tonträger umsetzt. Zum Gesamtkunstwerk gehören zudem skurrile, nicht-lineare Geschichten und eine ganz eigene Bilderwelt. Vieles davon ist verstörend und nur schwer zugänglich, dabei aber spannender als 90 Prozent der populären elektronischen Musik in all ihren Spielarten. Und so veröffentlicht Mädchen June weiter in Kleinstauflagen und ohne allzu viel Resonanz. Mich würde mal interessieren, was Stockhausen von diesem Sound gehalten hätte.

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