WGT 2019

Nächste Woche ist es soweit: Europas größtes Festival für dunkle Musik geht in Leipzig wieder über die Bühne(n). Seit langer Zeit bin ich das erste mal nicht als Beobachter und Berichterstatter, sondern einfach nur als Gast / Kunde unterwegs. Gründe dafür gibt es viele, der Hauptgrund ist, dass ich es einfach nicht geschafft habe, mich hinzusetzen und was zu schreiben. Erwartet deshalb auch keinen allzu ausführlichen Bericht an dieser Stelle…

Warm-Up

Ein Programmpunkt, auf den ich mich wirklich freue, liegt bei genauer Betrachtung außerhalb des wieder einmal riesigen Programmangebotes: Das WGT EBM Warm-Up im Felsenkeller. Das liegt auch daran, weil hier musikalisch das geboten wird, was mir mit am besten gefällt. Denn anders als der Name sagt, gibt es nicht nur EBM, sondern auch einen kleinen Floor (das Naumanns), auf dem es krachig zugeht. In diesem Jahr treten dort In Slaughter Natives, Kommando (Thorofon-Vorläufer), Especta Negra und die witzigen Now Wash Your Hands an. Anhängern des club|debil sollten diese Namen vertraut sein.
Aber auch NordarR und Dive vom Hauptfloor werden mich zum Tanzen animieren. Erstere konnte ich bereits bei einem EBM-Festival an gleicher Stelle sehen und da fand ich die energetischen EBM-Altschüler recht überzeugend. Die ebenfalls auftretenden SPARK! waren ganz gut, wenn den Schweden auf Dauer auch etwas die Puste ausging. Optisch machen die beiden Herren auf jeden Fall was her. Rue Oberkampf habe ich beim NCN gesehen und gleich wieder vergessen, das soll wohl Minimal sein, haut aber gar nicht so richtig rein. Statiqbloom ist wohl eher was für Hocico-Fans, also auch nicht unbedingt das Richtige für mich. Aber das ist ja bei dem Angebot kein Problem.

Alone with the Demons

Am Freitag stehe ich dann ein wenig vor der Qual der Wahl, denn ohne Presseticket heißt es anstellen. Sprich, ich muss mich am Ende der Schlange einreihen, wenn ich etwas sehen will. Ortswechsel sind da eher nicht so gut. Zwar ist das Programm nach altem Brauch thematisch geordnet, aber da ich ziemlich viele Musikstile interessant finde, wird es schwierig. So wird der Abend wohl im Volkspalast beginnen, wo St. Michaels Front, eine sehr witzige Neofolk-Parodie, das Spiritual Front Seitenprojekt The Lust Syndicate, die thelemistischen Cold Meat Industrialisten Coph Nia, die dunkle Singer-Songwriterin Evi Vine und die alkoholisch-diabolischen King Dude spielen. Leider werde ich die letzten beiden wohl sausen lassen müssen, um endlich einmal wieder Gitane Demone sehen zu können. Die Ex-Christian Death Chanteuse ist mit dem Gitane Demone Quartet zu sehen. Was ich bisher hören konnte, ist zwar nicht so eingängig wie zu ihrer Bar-Jazz-Zeit, aber allein Stimme und Ausstrahlung der Dame sind einen Besuch wert. Einmal vor Ort im Täubchenthal werde ich mir auch noch UK Decay anschauen, ein „Fossil“ aus der Anfangszeit des Punk, das sich später in gotische Richtung bewegt hat. Als die Band gegründet wurde, war ich gerade mal sechs Jahre alt :-), mal sehen, was die alten Herren noch auf die Reihe bekommen.

Ansonsten bringt mir der Blick aufs Programm eher wenig Inspiration. Es spielen u.a. Cubanate, Absurd Minds und In Strict Confidence im Stadtbad aber der Elektrosound ist nicht so meine Baustelle.
In den letzten Jahren war ich immer gern im Schauspielhaus, um mir die etwas aufwändigeren Konzerte anzuschauen. Da steht u.a. Jungstötter auf dem Programm, den ich solo gerade erst vor Soap & Skin in Berlin gesehen hab. Kann man machen, ebenso wie Kellermensch oder Jonathan Bree. Alles mehr was für Freunde angenehmer Stimmen und schöner Melodien. Diesmal ist eher nichts für mich dabei.
Die Fans der aktuellen Cold-Wave-Welle wird es wohl am ehesten ins Stadtbad ziehen, spielen hier doch u.a. Hante., Pleasure Symbols oder Void Vision. Gefällige, leicht melancholische Synthiemusik, meist mit Frauenstimme. Geht so.

Death rocks the body

Der Samstag wird eigentlich erst am späten Abend interessant mit Nitzer Ebb und New Model Army – (leider) in der agra-Halle. Zuvor spielen zahlreiche Bands, deren Namen ich noch nie gehört habe. Ausnahme ist das Programm im Täubchenthal, das sich an die erweiterte Deathrock-Gemeinde richtet, mit Murder At The Registry, The Bellwether Syndicate und selbstverständlich Shadow Project 1334. Letzteres ist eine Art Reunion der alten California Death Rock Szene mit William Faith (Christian Death, Faith And The Muse, Mephisto Walz, Sex Gang Children, Shadow Project), Eva O. (Christian Death, Shadow Project, Speed Queens, Super Heroines) und Stevyn Grey (Christian Death, Fangs On Fur, Frankenstein, Mephisto Walz, Shadow Project, The Last Dance). Ein Muss also für die Fans, doch leider kollidiert das Ganze zeitlich mit Nitzer Ebb. Mal sehen, wie ich mich entscheide…

Eine Option wäre auch ein Besuch im Schauspielhaus, wo sich die Folk-Bands Urze de Lume aus Portugal und The Moon and The Nightspirit aus Ungarn ein Stelldichein geben, aber ehrlicherweise klingt mir das zu sehr nach Mittelaltermarkt. Der dunkle Pop von Christine Owman ist da schon deutlich mehr nach meinem Geschmack. Die italienischen Klassikfreunde von Ashram sind mir dagegen einfach zu süßlich.

Da ist Haus Leipzig mit der Hauptattraktion Fehlfarben wohl die bessere Entscheidung. Zwar find ich Peter Heins Truppe nicht mehr wirklich wichtig (seit „Monarchie und Alltag“ haben sie eigentlich nichts Gescheites hinbekommen) aber die anderen Bands klingen gar nicht mal so verkehrt. Die finsteren Friends of Gas z.B. lassen sich kaum einordnen. Eine krächzig-intensive Frauenstimme, eine monotone Baseline, ein drängendes Schlagzeug – sehr geil. Die werde ich mir wohl anschauen. Auch Karies und Die Nerven, Post-Punk Bands aus Stuttgart, klingen nicht verkehrt. Als Freund von Joy Division kann ich dem Ganzen einiges abgewinnen, auch wenn ich nicht immer ein Freund deutscher Texte bin. Da versteht man leider zu genau, worum es geht :-).

Cat under the soft moon

Der Sonntag lässt mich völlig ratlos zurück. Christian Death zum frühen Abend in der agra-Halle und später zeitgleich Cradle Of Filth im Felsenkeller oder The Soft Moon im Volkspalast…

Ortstechnisch für die Elektro-Fraktion am interessanten ist diesmal das Haus Leipzig. Zweite Jugend habe ich schon bei einem WGT-Warm-Up gesehen, die bieten fetten Old School EBM, mehr muss man eigentlich nicht sagen. Ob sie es so lange durchhalten werden, wie die Herren von Parade Ground, wird die Zeit zeigen. Die Belgier haben als Band bereits 30 Jahre auf dem Buckel, das muss man erst einmal schaffen. Musikalisch ist mir der Sound allerdings etwas zu nett.
Die Elektro-Punks von The Cassandra Complex sind da eher nach meinem Geschmack. Die Herrschaften um Frontmann Rodney Orpheus sind jedoch schon etwas in die Jahre gekommen, die Show ist leider nicht mehr ganz so energetisch wie früher.
Auch seit Mitte der 1980er im Geschäft sind Cat Rapes Dog aus Schweden. Ihre Hits „Motorhead“ und „Moosehair Underwear“ dürfte jeder kennen. Ich auch. Danach hört’s aber eigentlich schon auf. So richtig hat mich die Musik nie interessiert. Spricht mich irgendwie nicht an, der Schweden-Electro.

Das Täubchenthal ist am Sonntag in den Händen der Elektrofraktion, aber außer Rhys Fulber habe ich das meiste schon gesehen oder will es, wie Soman, nicht sehen. Fulber hat wohl seit vergangenem Jahr ein Album an Start, aber wenn ich da so reinhöre, finde ich keinen Grund, mir das live anzuschauen.

Das Westbad bietet Synthie Pop aber das war ja noch nie so mein Ding (mal abgesehen von altem Kram wie Depeche Mode, Yazoo oder Soft Cell), da sind die Bands in der Moritzbastei wesentlich interessanter. Die schrägen Dear Deer, die mich an eine Kreuzung aus erwähnten Soft Cell und Virgin Prunes erinnern oder die portugiesischen Post-Punks She Pleasures HerSelf. Über die beiden anderen an diesem Abend auftretenden Band weiß nicht mal der Veranstalter was 🙂

Wem der Sinn nach Popmusik steht, der sollte ins Stadtbad gehen. Hier treten Henric De La Cour, Laura Carbone, Tamaryn und Still Corners auf. Aus meiner Sicht eher was für die romantische Fraktion und im Speziellen für die Damen.

Den ganzen Tag im Volkspalast zu verbringen, könnte auch eine Idee sein. Was da läuft, geht so in die Post Punk / Cold Wave-Richtung. Aber bis auf die isländische Frauenband Kælan Mikla und die gerade sehr im Aufwärtstrend befindlichen The Soft Moon, die mich in Wroclaw auch nicht überzeugen konnten, ist da eigentlich nichts, was haften bleibt.

Als Dresdner muss ich selbstverständlich noch die Freunde der Italienischen Oper erwähnen. Die Band spielt im Schauspielhaus, was ich etwas unpassend finde, schließlich ist das keine Musik für ein Sitzkonzert. Na, ich habe sie ja erst im Beatpol live gesehen, wo ihnen allerdings die Newcomer von Die Arbeit die Show gestohlen haben…

Psychedelics to the people

Montag ist klassischerweise der Tag, den ich im Volkspalast verbringe und das wird wohl auch diesmal so sein. Auf dem Programm stehen Imperial Black Unit, Techno-Industrial aus Frankreich, die japanischen Krachmacher von Am Not, die abgefahrenen Meta Meat mit Steptanzshow :-), die polnischen Synthie-Soundbastler Job Karma, Leipzigs Ambient Projekt Nummer 1, Inade, und Tangerine Dream. Das ich letztere noch einmal sehe, grenzt fast an ein Wunder. Leider ist Gründer Edgar Froese 2015 gestorben und auch sonst ist niemand mehr von der Urformation dabei, aber wenn man bedenkt, dass Tangerine Dream seit 1967 bestehen, ist das auch nicht verwunderlich. Schauen wir mal, was die Herrschaften live zu bieten haben. Das Video ist auf jeden Fall vielversprechend.

Ein bisschen schade ist, dass ich die crazy Banana Metalik (im Täubchenthal) mal wieder verpassen werde, ebenso wie Die Fliehenden Stürme aber bei letzteren ergibt sich in diesem Jahr noch eine Gelegenheit. Ebenfalls fahren lassen muss ich die schräge Lene Lovich Band (genau die mit dem „Bird Song“) im Westbad und die wunderbaren Post Punks Human Tetris aus Russland im Haus Leipzig. Wer sich dort rumtreibt, sollte unbedingt auch Sad lovers and Giants anschauen, die alten Herren aus England. Deren erstes Album erschien übrigens 1980!

Möglicherweise macht Ihr aber auch einen Abstecher ins Schauspielhaus, denn hier gibt es die unaussprechlichen Hackedepicciotto (Danielle de Picciotto & Alexander Hacke) zu sehen. Ich hatte bereits Gelegenheit, die beiden in der Scheune zu erleben. Wer psychedelische Musik mag, der sollte sich das Konzert nicht entgehen lassen. Im Anschluss sind Michael Cashmore (Nature And Organisation) & Shaltmira am Start, das dürfte optisch und klanglich ein ziemlich schräges Erlebnis werden. Ich rate allerdings, vor Saeldes Sanc das Haus zu verlassen 🙂

Erwähnen möchte ich noch, dass wie jedes Jahr das Deep Audio Label in seinem Laden kleine Konzerte veranstaltet. Am Samstag sind The Woven Clouds, am Sonnag Circular und am Montag Ex.Order zu hören.

So, das war’s von mir an dieser Stelle. Wir sehen uns in Leipzig…

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