WGT 2026 – Viel Unbekanntes und einige echte Highlights

Das WGT steht vor der Tür und es warten wieder einmal mehr als 150 Bands darauf, sich den Fans und denen, die es werden wollen, zu präsentieren. Ich habe mir die Namen mal angeschaut und so ziemlich die Hälfte des Programms besteht aus mir unbekannten Musikschaffenden. Ein erster Versuch das zu ändern, verlief wenig erquicklich – von 20 Bands, die ich mir angehört habe, war der überwiegende Teil langweilig – sprich, sie erfüllten genau die Vorgaben des jeweiligen Genres – oder richtig schlecht, weshalb ich den Versuch abgebrochen habe. Vielleicht nehme ich den Faden ja wieder auf, aber das kostet schon ziemlich viel Kraft, sich sowas hier überhaupt anzuhören:

Allerdings verpasse ich so vielleicht die eine oder andere Perle, wenn die nicht gerade vor oder nach einer mir vertrauten Band spielt. So zum Beispiel BLACK DAHLIA, die ein bisschen wie Souxsie, ein bisschen wie Lene Lovich klingt. Das Debütalbum der Dame heißt „The Imposter“ und ich denke, das Projekt könnte noch ein ganzes Stück größer werden.

Aber zurück zum eigentlichen Anliegen, ein paar Empfehlungen zu geben. Beginnen möchte ich mit unseren Dresdner Freunden ANDRÉ ALABASTER & THE CURVED BEAKS, die sehr schöne Pop-Musik irgendwo zwischen Nick Cave, Dave Gahan und Leonhardt Cohen machen. Wer’s noch nicht gesehen hat, einfach mal hingehen!

Das Gleiche gilt für unsere polnischen Freunde JOB KARMA. In ihrer Heimat ist das Duo eine feste Größe und die beiden Herren als Organisatoren des Wroclaw Industrial Festival fest in die internationale Community eingebunden. Musikalisch bewegt man sich im Bereich anspruchsvoller elektronischer Musik, die sicher ein wenig von Clock DVA oder Kraftwerk beeinflusst ist. Mit oftmals düsteren Atmosphären – passend zu den behandelten Themen und genial bebildert vom „dritten Mann“ Arkadiusz Bagiński – komplexen Beats und eingängigen Synthiesounds haben sich Job Karma ihren Platz irgendwo zwischen intelligentem Pop und finsterem Industrial erobert.

Job Karma gibt die Richtung vor: Wenden wir uns zuerst der Fraktion der elektronischen Musik zu. Da werde ich mir sicher SPIT MASK anschauen, da ich das deutsch-amerikanische Duo bereits mehrfach verpasst habe. Das ist nichts für Zartbesaitete, sondern mehr was für Leute, die auch mit Atari Teenage Riot und Artverwandtem zurechtkommen.Harte Beats, verzerrte Stimmen und immer ordentlich aufs Gaspedal.

Apropos Deutsch-Amerikanische Freundschaft: Auch DAF spielen beim WGT und ich denke, da schaue ich vorbei. Nach dem Tod von Gabi Delgado ist zwar irgendwie ein bisschen die Luft raus und Robert ist auch nicht die Frontsau, die Gabi war – aber was soll’s? Ohne DAF wäre die elektronische Musik ein ganzes Stück ärmer.

EBM gehört auch zur DNA des britischen Duos PORTION CONTROL, das seit 1980 das Genre unsicher mact und bereits auf dem legendären „Elephant Table“-Sampler von 1983 auftauchte, umringt von Größen der dunkel-elektronischen Musik wie Chirs & Cosey, Nocturnal Emissions oder Lustmord.
Zum alten Eisen gehören die Herrschaften aber noch lange nicht. Ich habe sie beim letzjährigen Vinyl-On-Demand-Festival erlebt, da haben Portion Control ordentlich Druck gemacht.

Vor etwas über einem Jahr durfte ich auch mal PANKOW wieder erleben, nicht die Ost-Rock-Band, die ich auch ganz gern mag, sondern die italienischen EBM/Industrial-Pioniere. Mit einem neuen Sänger ausgestattet, hat das seit 1979 aktive Projekt noch einmal ordentlich Schwung in seine Live-Darbietung gebracht. Absolut sehenswert, auch wegen der guten Videos.

Einen Gang höher noch schalten HORSKH, die ich schon beim Audiotrauma-Festival und in Wroclaw erleben durfte. Hochenergetisches Live-Drumming mit Anklängen an Drum’n’Bass, dazu einen ADHS-Sänger der mit einer gehörigen Portion Aggression gegen die ballernde Elektronik anschreit – das knallt! Wer bei der Mugge still stehen bleibt, ist wahrscheinlich schon tot.

Eventuell haben Horksh in ihrer Jugend ja die ARMAGEDDON DILDOS gehört – wundern würde mich das nicht, schließlich sind die Kasseler seit Anfang der 1990er Jahre aktiv. Auch wenn es um das Duo in den letzten Jahren eher ruhig geworden ist (das letzte Album stammt wohl von 2020), wird der fette EBM das Publikum zum Tanzen bringen. Darauf könnt Ihr Euch einen einführen.

Noch ein halbes Jahrzehnt länger am Start als die Dildos sind FRONTLINE ASSEMBLY, die aktuell ein frisches Album am Start haben, „Mechvirus“ von 2025. Manches klingt mir dabei zu nett, so richtig warm werde ich nicht damit. Kein Wunder, wenn da Projekte wie Ultra Sunn oder Bootblacks als Kollaborateure mitwirken. Aber die sicher gibt Bill Leeb auch ein paar seiner alten Smasher zu Gehör, das entschädigt die Fans sicher für die Weicheierei.

Zwar sind auch die EINSTÜRZENDEN NEUBAUTEN heute etwas „ruhiger“ als in ihren Anfangstagen und Blixa ernährt sich sichtlich reichhaltiger, aber das stört den Genuss eines Konzertes der ehemals wildesten Westberliner nicht. Die Musik ist auch nach über 40 Jahren noch interessant – abwechslungsreicher Pop mit intelligenten Texten. Und der eine oder andere Krach-Klassiker wird sicher auch zu hören sein.

Seite einiger Zeit nicht mehr bei bei den Neubauten ist Alexander Hacke, der gemeinsam mit seiner Frau Danielle De Picciotto das Duo HACKEDEPICCIOTTO betreibt und das recht erfolgreich. Musikalisch sind die beiden aktuell nicht so weit weg vom früheren Arbeitgeber Herrn Hackes, wenn auch das Elektronische bei Hackedepicciotto sehr in den Hintergrund tritt und vor allem auf schöne Melodien gesetzt wird, die auch bei Nick Cave gut aufgehoben wären. Das neue Album „Lichtung“ ist für Juli angekündigt.

Pünktlich zum WGT (am 22. Mai) soll hingegen das aktuelle Werk von COSEY MÜLLER „Embodiment of Denial“ herauskommen. Die Berlinerin mit dem lustigen Namen reiht sich ein in die zahllosen Synthie Pop-Portjekte, die uns als Post Punk verkauft werden und doch finde ich, dass sie aus deren Mitte heraussticht. Vielleicht liegt das auch an der Präsenz der Müllerin, die ich bereits einmal in Hannover live sehen durfte. Das Ein-Frau-Projekt macht auf der Bühne ordentlich Stimmung und animiert zum Tanzen.

Wo Cosey Müller eher zum Mitmachen anregt, will KOTZE IM EINKAUFSWAGEN, auch bekannt als KiEw, provozieren, textlich aber auch musikalisch. Disko-Punk trifft auf Urschrei-Therapie, Atari-Geblubber auf Schlagzeugeskalation, malträtiertes Metall auf großartige Samples. Nichts für schwache Nerven aber immer sehenswert.

MORGUE ENSEMBLE ist ein dunkel-elektronisches Seitenprojekt vom Spiritual Front-Boss Simone. Das kling alles sehr nach Soundtrack und ein wenig rituell. Live passiert nicht viel aber die Videossind beeindruckend.

Nicht ganz verschweigen möchte ich auch den Auftritt von SUICIDE COMMANDO, den belgischen Dark Electro Göttern. Meins war das nie aber ich habe Mr. Van Roy beim Bimfest gesehen und das hat schon Energie.

Die Überleitung ins nächste Kapitel, „Legenden“, übernehmen DAS ICH, die mit ihrer Dunkelszene-kompatiblen Elektronik zu den Urgesteinen der hiesigen Szene-Landschaft gehören und gleichzeitig auch Freunde experimenteller Klänge begeistern können. Ganz ohne Begeisterung für dunkel-obskure Texte geht es nicht, aber da steckt die Band alle ihre Nachahmer seit über 30 Jahren locker in die Tasche.

Zu SPK, den australischen Pionieren des Industrial-Genres muss ich an dieser Stelle nicht viel sagen. Im vergangenen Jahr durfte ich das Projekt um Graeme Revell live erleben und mich hat der Gig eher mit gespaltenen Gefühlen zurückgelassen. Zum einen war es schön, die alten Hits als Live-Performance zu sehen aber der Meister dürfte mittlerweile auf die siebzig zugehen, wenn er sie nicht schon gerissen hat, da ist die Energie auf der Bühne nicht mehr die selbe wie vor nunmehr 40 Jahren. Allerdings hat sein Sohn, Robert da ein Stück weit rausgerissen. Was die „neueren“ Stücke von SPK betraf, da spiele bei den Videos KI eine große Rolle und wahrscheinlich auch beim Musikmachen. Mir was das alles ein bisschen zu glatt. Doch jetzt geht es weiter. „SPKtR ist die nächste Evolutionsstufe der legendären Pioniere der Industrial-Musik, SPK, deren Vermächtnis bis ins Jahr 1978 zurückreicht – eine kraftvolle neue Zusammenarbeit zwischen Graeme Revell und Robert J. Revell, die den radikalen Geist, die klangliche Extremität und die kulturelle Provokation des ursprünglichen Projekts in einer modernen Inkarnation wiederaufleben lässt“, heißt es auf der Website des Projektes und ja, das ist Werbung. Aber der erste neue Track „The Last Of The Men“ ist sehr beeindruckend. Das könnte doch was werden.

Eher textlich als musikalisch interessant fand ich immer X-MAL DEUTSCHLAND. Nachdem es dreieinhalb Dekaden sehr ruhig um das Post Punk / Wave-Projekt war, ist Sängerin Anja Huwe wieder aktiv, tonträgertechnisch unter eigenem Namen (mit neuem Album „Codes“ von 2024). Den Auftritt in der Moritzbastei zu Anfang des Jahrs habe ich verpasst, diesmal werde ich aber versuchen, mir selbst ein Bild zu machen. Ich hoffe, der „Kälbermarsch“ steht auf dem Programm – einen besseren Kommentar zur Lage der Nation gibt es kaum.

Während X-Mal Deutschland gerade erst wieder auf der Versenkung auftauchen, sind PINK TURNS BLUE eigentlich seit ihrer Gründung 1985 nie so richtig weg gewesen. Gut, von Mitte der 1990er bis in die Mitte der 2000er klafft eine Lücke in der Diskografie aber seitdem ist das mittlerweile hauptsächlich vom Gründungsmitglied und „Stimme“ Mic Jogwer betriebene Projekt immer mal wieder in Erscheinung getreten. Zudem hat Pink Turns Blue ein aktuelles, recht gut aufgenommenes Album („Black Swan“, 2025) am Start, das den melancholischen Dunkel-Pop liefert, den die Fans von der Band erwarten. Auf jeden Fall keine der Szene-Größen, die irgendwann peinlich werden, sondern solides Handwerk, auch wenn bei mir nicht so die Masse hängenbleibt.

Eine fast 30-jährige Pause haben die Franzosen CORPUS DELICTI eingelegt, bevor sie Ende 2024 wieder in Erscheinung getreten sind. Im vergangenen Jahr durfte ich die Gothic Rocker mit leichtem Death Rock-Einschlag live erleben und das war ein wirklich feines Konzert, auch wenn die hiesige Gemeinde den Abend wohl lieber auf der heimischen Ofenbank verbrachte. In Leipzig wird das sicher kein Problem und ich vermute, dass die Hütte voll wird, wenn sich zu Stücken des aktuellen Albums „Liminal“ alte Hits wie „Lohreley“ oder „Noxious (The Demon’s Game)“ gesellen. Die Haare mögen ab sein, der Lack ist es noch lange nicht.

Auch nicht mehr ganz taufrisch sind die Waliser Psychobillies DEMENTED ARE GO, die bereits seit 1982 die Bühnen unsicher machen. Zwar hat das Personal seit den Anfangstagen gewechselt, aber Gründer und Frontmann Mark Phillips hält noch immer die Fahne des Horror Punk hoch. Hut ab und vielleicht schaff ich es ja endlich mal, mir das Ganze live anzusehen. Wahrscheinlich geht mir eher die Puste aus, als Phillips, der mit seinen Mannen im vergangenen Jahr ein neues Album mit dem netten Titel „Psychotic Mutilation“ veröffentlicht hat.

Noch ein wenig länger im Geschäft sind UK DECAY, die seit 1978 (!) ihr Unwesen treiben. Die Briten gehören zu den ersten, die sich vom Punk in Richtung Gothic Rock bewegten und damit zu den Mitbegründern der Szene. Allerdings war auch schon 1983 Schluss mit dem Zerfall des Vereinigten Königsreichs., Ende der 2000er gab es noch einmal ein Lebenszeichen in Form von Konzerten, später auch eine LP und eine EP. Ob UK Decay live noch Ballett machen? Wir werden es sehen.

Kommen wir nun zu drei „anderen Bands“ wie sie leicht despektierlich in der End-DDR-Zeit bezeichnet wurden. Für mich vor allem präsent waren die Cottbuser SANDOW, die nun wirklich nicht nur „Born In The GDR“ waren, sondern immer ihren ganz eigenen, eigenwilligen „Kunst-Rock“ gemacht haben, dem eine gewisse Begeisterung für die Einstürzenden Neubauten anzuhören war, zumindest in den Anfangstagen. Bei ihrem Auftritt beim NCN im Jahr 2022 waren die Herren, die auch schon seit 1982 am Start sind, zwar sichtlich in die Jahre gekommen, aber spielfreudig wie immer. Ein Muss für alle „Kinder des Verbrechens“!

Die FREUNDE DER ITALIENISCHEN OPER sind mir erst so richtig nach 1990 aufgefallen. In ihrer Heimatstadt Dresden genießt der Trupp um Frontmann Ray van Zeschau, dem auch mal Roger „Rummelsnuff“ Baptist angehörte, Kultstatus, sicher auch wegen ihrer energetischen Performances. Wie die Kollegen von Sandow sind auch die Freunde immer am Ball geblieben, auch wenn die Lücken zwischen zwei Veröffentlichungen manchmal recht groß waren. Das aktuelle Werk „Kassandras Komplex“ stammt aus dem Jahr 2024 und bietet das, was die Fans hören wollen: düsteren, sperrigen Psycho-Rock, zu dem Ray mit theatralische Stimme obskure Geschichten zu Gehör bringt.

Die Dritten im Bunde sind ROSENGARTEN, die aus der Altmark-Stadt Salzwedel stammend, wohl schon immer einen Standortnachteil hatten. Ich kannte sie nur vom legendären Sampler „Parocktikum – Die Anderen Bands“, der kurz vor Toresschluss bei Amiga rauskam. Das epische „Bessere Zeiten“ gehörte sofort zu meinen Favoriten. Mittlerweile hat die Band ihr Gesamtwerk bei Bandcamp zum kostenlosen Download zur Verfügung gestellt, zwei der ehemals als Tape veröffentlichten Alben („Blut + Liebe“ und „Exorcism and Return“) sind beim Label Rundling wiederveröffentlicht wurden.

Zwar kommen FLIEHENDE STÜRME von der anderen Seite des antifaschistischen Schutzwalls aber irgendwie gehören die Stuttgarter mit ihrem Düster Punk für mich in eine Reihe mit den Helden meiner Jugend, vor allem, weil’s musikalisch und inhaltlich passt. Die Fliehenden Stürme haben mich mal eine Weile sehr intensiv begleitet, „Priesthill“ und „An den Ufern“ liefen bei mir hoch und runter. Auch wenn ich dann ein wenig den Anschluss verloren habe, missen möchte ich die Brüder Löhr und ihren Sound nicht und live geht es da immer ordentlich zur Sache.

Etwas weniger finster als die Stürme aber mit ordentlich punkigem Schmackes ausgestattet sind die französischen FRUSTRATION, eine meiner aktuellen Lieblingsbands. Zum energetischen Gesang von Frontmann Fabrice gesellt sich ein fetter Bass, ein vorwärtstreibendes Schlagzeug und sägende Gitarren. Aufgelockert wird das Ganze mit schrägen Keybordsounds. Die Songs von Frustration sind dabei nicht allzu sperrig, das meiste kann schon nach zwei, drei mal Hören mitgegrölt werden. Und dass man dazu ordentlich Pogo tanzen kann, muss sicher nicht erwähnt werden. Bedenkt man, dass die Band nun auch schon fast 25 Jahre unterwegs ist, wundert man sich, wo die Herren ihre Energie hernehmen. Frustration kann auch sehr befreiend sein.

Nach all den etwas wilderen Klängen kommen wir zu dem, was man grob als „schöne Musik“ bezeichnen könnte, wenn es das gibt. Beginnen wir mit der Britin EVI VINE, einer sehr sympathischen Dame, die ich in Dresden schon aus nächster Nähe bei einem Wohnzimmerkonzert erleben durfte. Stimmlich sind leichtE Anklänge an Beth Gibbons von Portishead zu hören, musikalisch bietet Evi Vine jedoch eher düster-melancholischen Gitarrenpop bzw. -rock anstelle von Trip Hop. Eine experimentelle Ader hat sie aber trotzdem, so richtig „glatt“ sind ihre Werke nicht und das ist gut so.

In eine ähnliche, psychedelisch angehauchte Richtung, allerdings mit einer gehörigen Portion Pathos angereichert gehen THE UNDERGROUND YOUTH. Ich durfte die Band um Mastermind Craig Dyer schon mehrfach live erleben und es war jedes Mal ein Genuss. Das die Untergrund-Jugend nicht schon längst in großen Hallen spielt, ist eigentlich eine Schande, auf der anderen Seite aber auch gut, denn ihre intime Musik passt besser in den schwitzigen Club.

Selbiges ließe sich auch von ROME sagen, dem Neofolk-Hitwunder von Jérôme Reuter, der seit Mitte der 2000er einen beachtlichen musikalischen Output zu verantworten und eine große Fangemeinde gewonnen hat. Der Luxemburger hat quasi im Alleingang ein stagnierendes Genre wiederbelebt, mit Haltung, ansprechenden Texten und nicht zuletzt mit einem zu Herzen gehendem Gesang. Da fällt es manchmal schwer, nicht emotional zu werden…

Während JeROME bei Bedarf auf Gesang und Gitarre abrüsten kann, reisen die französischen ROSA CRUX eigentlich immer mit großem Besteck an. Mit Glocken, automatischen Drummern, Performance-Künstlern, Fahnenschwenkern, Chor und was noch so gebraucht wird. Während manch andere Band mit viel Show von der dünnen musikalischen Basis ablenken will, auf der sie sich bewegt, bieten Rosa Crux einfach nur ein überwältigendes Gesamtkunstwerk. Mittelalter-Rock ohne albernes Rumdudelsacke, gewaltig, ergreifend. Ganz großes Kino.

Anders als die katholisch-düsteren Franzosen könnten nähren sich die britischen THE REVOLUTIONARY ARMY OF THE INFANT JESUS wohl eher aus den verschiedensten spirituellen Quellen. Wollte man ein Schublade für die komplexe, vielfältige Musik finden, dann müsste man die wohl mit experimentellem Sakral-Pop beschriften. Oder man lässt den Quatsch einfach und hört sich das Ganze unvoreingenommen an und lässt sich von den lieblichen Klängen bezaubern und berühren. „Beauty Will Save The World“, erschienen 2015, war das erste RAIJ-Album nach 20 Jahren Pause seitdem kommt mit großen Abständen aber immer mal wieder was Neues heraus. Reinhören lohnt sich auf jeden Fall, anschauen sowieso!

Damit bin ich nun erst einmal am Ende meiner Reise durch das WGT-Programm. Zum Abschluss nur noch der Hinweis auf die Ami-Goth-Rocker von LONDON AFTER MIDNIGHT, die ich mir, wenn es sich ergibt, sicher auch anschaue. „Selected Scenes From The End Of The World“ war damals, 1992, ein echter Lichtblick im düsteren Szenehimmel, auch wenn danach nicht mehr allzu viel kam. Schade eigentlich.

Wie bereits eingangs erwähnt, kenne ich fast die Hälfte der auftretenden Band nicht. Wer noch einen Tipp hat – den Rahmen meines Geschmacks habe ich ja abgesteckt – darf diesen gern hier bei den Kommentaren kund tun. Danke schon mal im Voraus!

Vergessen werden soll an dieser Stelle auch nicht die Veranstaltung, die in den letzten Jahren meist ein Highlight meiner WGT-Festivalgestaltung war: Das EBM-Warm-Up im Felsenkeller / Naumanns. Ich freu mich wie immer vor allem auf die Noise-Stage mit ASKA, TE/DIS und LDX40 (da freue ich mich besonders). Ansonsten wird sicher auch Plastikstrom ganz nett.

Nachtrag 1

Auf meine Bitte nach Tipps hin bekam ich noch zwei Tipps – Myrna Loy und Qual. QUAL habe ich vor vielen Jahren mal im mittlerweile legendären Club E-40 gesehen, wo ich quasi auf der Bühne stand – so nah kommt man William Maybelline, seines Zeichens eine Hälfte von Lebanon Hanover, heute wahrscheinlich nicht mehr. Das ist halt die Gnade der frühen Geburt, oder so. Ich erinnere mich noch an sehr viel Nebel, wenig Licht und ein Stimme wie von Andrew Eldritch. Das aktuelle Album „Love Zone“ klingt so gar nicht mehr nach den Schwestern der Barmherzigkeit, irgendwie scheint der Brite jetzt mehr so Sachen aus der EBM- und Dark Electro-Ecke zu hören, auch wenn noch ein bisschen Wave mit anklingt. Nuja, geht so.

Was MYRNA LOY betrifft, so muss ich gestehen, dass mit das Cover ihres zweiten Albums „Time Says Helay“ aufgefallen ist und ich die Platte auch schon ein paar mal in der Hand hatte, mich aber dann doch nicht für einen Blindkauf begeistern konnte. Auch Album Nummer 3, „Immerschön“, hatte ein ansprechendes Artwork, das Ergebnis war jedoch das gleiche. Vielleichtr habe ich ja gedacht: Wahrscheinlich habe die Jungs das nötig…
Die Band lief nie bei hiesigen Diskos und ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass mir jemals jemand begeistert davon berichtet hätte. Da habe ich wohl echt was verpasst. „Time Says Helay“ bietet sehr bezaubernden melancholisch-verträumten Indierock, bei dem nicht sofort ein „das klingt ja wie“ kommt – sehr eigenständige Sache. Ein bisschen muss ich an Echo & The Bunnyman denken, bei den Gitarren an Bauhaus. „Immerschön“ klingt sehr 90ies, hier fallen mir aöls Vergleich die Happy Mondays ein. Aber das sind alles nur lose Assoziationen.Ich denke, die „exklusive Reunion-Show wird in meinem Beisein stattfinden. Ich bin gespannt!

Ganz vergessen hatte ich auch die wilde Kim aka KIM WILDE. Die war in den 1980ern auf jeden Fall relevant und mit Hits wie „Cambodia“, „View From A Bridge“ oder „Love Blonde“ auf fast jeder Disko vertreten. Was die Dame so aktuell macht, klingt jetzt nicht so danch, als ob man was verpasst, wenn man’s nicht hört…

Nachtrag 2

Hier noch ein paar Sachen, die mir beim Durchhören positiv aufgefallen sind bzw. auf die ich euch noch hinweisen möchte:

Sehr schicken Wave zwischen Elektro und Rock bringen die Italiener TALK TO HER auf die Bühne – erinnert ein bisschen an die späten Depeche Mode.

Ebenfalls aus Italien kommen die Indie-Rocker von KLIMT 1918, die sehr gefühlvolle Musik abliefern und damit bei den Dunkelromantikern punkten werden.

Nicht verkehrt finde ich auch den Goth / Death Rock von PATRIk MATA bzw. KOMMUNITY FK. Szenekompatibel ohne 08-15 zu klingen.

Im Gegensatz zu Vielem, was ebenfalls als Elektro Pop bezeichnet wird, kann man sich KOMPROMAT sogar ganz gut anhören. Ist zwar nicht meine Baustelle aber ganz angenehm. Da es sich bei dem Projekt um Franzosen handelt, wäre Electro Chanson wohl die passendere Bezeichnung.

Zunehmend begeistert bin ich hingegen von LA BANDE-SON IMAGINAIRE. Die liefern zwar eher typischen Electro aber der bekommt von einen Mexico-Bonus und einen Extra-Punkt, weil es nicht wie eine Hocico-Kopie klingt. Die Jungs habe es schon drauf, „fetzige Diskomusik“ zu machen.

LUX INTERNA bieten kein billiges Neofolk-Geklimper, sondern melancholischen Pop für Erwachsene. Auch sehr hörenswert.

Die Platte „Irreligious“ von MOONSPELL habe ich Mitte der 1990er mal ganz gern gehört – heute kann ich das nicht so richtig mehr nachvollziehen. Allzu viel scheint sich bei der portugiesischen Band seitdem nicht verändert zu haben. Eher nichts für mich.

Etwas ungläubig war ich, als ich TRANS-X auf im Programm fand. „Living On Video“ war damals ein echter Burner. Aber wenn ich mir das hier anschaue, denke ich, ich spare mir das. Eventuell habe ich das auch schon beim NCN erleben dürfen; aber das war so schlecht, dass ich es verdrängt habe.

Was ich noch ergänzen möchte: Auffällig ist, dass im diesjährigen Programm recht viele (vor allem mittelprächtige) US-Bands vertreten sind. Ich habe jetzt nicht gecheckt, ob die alle beim gleichen Label sind, aber irgendwie sieht das nach Paket-Deal aus. Unabhängig davon stehen die Amis für eine Trend weg von „richtigen“ Bands hin zu 1-, 2-Personen-Projekten, bei denen musikalisch alles aus der Konserve kommt und damit ziemlich ähnlich klingt. Als allzu spannenden Impuls für die Szene kann ich das nicht empfinden, weil halt das Bekannte mit Technik reproduziert wird. Viel Neues ist da nicht dabei, auch wenn manches durchaus hörenswert ist. Auf der anderen Seite kommt gerade aus hiesigen Landen auch viel zum Fremdschämen, musikalisch häufig im Dark Electro oder Mittelalter-Sound verortet, regen wir uns also nicht über die Amis auf…

Ein Kommentar

  1. https://klimt-1918.bandcamp.com/album/jugend

    https://patrikmata.bandcamp.com/album/the-vision-the-voice (Kommunity FK)

    https://kompromat-official.bandcamp.com/album/pl-ying-pr-ying
    Im Gegensatz zu Vielem, was ebenfalls als Elektro Pop bezeichnet wird, kann ma sich Kompromat sogar ganz gut anhören. Ist zar nicht meine Baustelle aber ganz angenehm.

    https://labandeson.bandcamp.com/album/synthesizer-magazine
    Ist zwar ehr typischer Electro, bekommt von mir aber einen Mexico-Bonus ud einen Extra-Punkt, weil es nicht wie eine Hocico-Kopie klingt. Macht schon was her.

    https://luxinterna.bandcamp.com/album/new-wilderness-gospel-deluxe-edition
    Kein billiges Neofolk-Geklimper, sondern melancholischer Pop für Erwachsene.

    https://moonspell.bandcamp.com/album/irreligious-deluxe-reissue
    Die Platte von Moonspell habe ich früher mal gern gehört – heute kann ich das nicht so richtig mehr nachvollziehen. Allzuviel hat sich seitdem nicht verändert. Bei Moonspell, meine ich – bei mir schon…

    Dunkelelektronisches Seitenprojekt vom Spiritual Front-Boss Simone.
    https://www.youtube.com/watch?v=h5vGy7N5_4A

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert