WGT 2016 – Hier kracht’s!

Bereits am Silvestertag des vergangenen Jahres kamen die ersten Hinweise auf die Künstler beim diesjährigen WGT rein, seitdem gibt es regelmäßig Updates. Da die Menge zu diesem, dem 25. WGT schon jetzt kaum noch zu überschauen ist, werde ich mich auf die aus meiner Sicht interessanten Künstler beschränken und ein paar andere Sachen nur erwähnen.

Beginnen wir mit der heiß geliebten Krachfraktion und da gibt es von einem echten Kracher zu berichten. TE/DIS (Kurzform von Tempted Dissident) aus dem Hause Galakthorrö werden live auftreten!!! Ich weiß nicht sicher, ob der Herr damit der erste Galakthorrö-Künstler ist, der diesen Schritt wagt, zumindest aber für Haus Arafna und November Növelet ist nichts dergleichen überliefert. Na das wird spannend, wie TE/DIS seinen angenoisten Mininal Synth-Pop rüberbringt. Ick freu mir wie Bolle!

Viel Gutes habe ich in letzter Zeit vom aktuellen DEUTSCH NEPAL „Alcohology“ gehört und so steht außer Frage, dass ich dem Auftritt von Lina Baby Doll mir nicht entgehen lasse, auch wenn ich den Schweden-Industrial schon mehrfach erleben durfte. Für mich klingt das Ganze wieder kraftvoller und energetischer als manch ältere Veröffentlichung und ich hoffe, dass DEUTSCH NEPAL das auch live rüberbringen können.

Einige Zeit Label-Kollege von Lina war auch Magnus Sundström aka THE PROTAGONIST. Auf Cold Meat Industry veröffentlichte er zwei Alben, das letzte 2005. Viel scheint seitdem nicht passiert zu sein. THE PROTAGONIST sind mir aber trotzdem in Erinnerung geblieben mit Stücken, in denen sich martialischen und neoklassische Elemente zu kraftvoll-schwelgerischen Stücken vereinen, die tatsächlich weit näher an der klassischen als an der populären Musik dran sind.

Wenn ich eingangs die Galakthorrö-Künstler erwähnte und deren bisherige Verweigerung, sich live zu präsentieren, dann muss auch die rumänische Gruppe TANZ OHNE MUSIK erwähnt werden, die genau in diese Lücke stößt. Zwar gehört das Duo nicht zum Label, erinnert aber nicht nur mich klanglich sehr an November Növelet oder Maska Genetik. Und TANZ OHNE MUSIK sind schon libe aufgetreten, unter anderem beim Schlagstromfestival. Verquere, sich ins Gehirn fräsende Synthesizersounds, kalte rezitative Stimmen, stoische Mid-Tempo-Beats, da bleibt kein Auge trocken!

Gleich zwei Projekten ist das UMB Kollektiv am Start, mit THOROFON und KOMMANDO. Auch wenn die meisten Szenegänger vor allem THOROFON kenne, woran auch deren Hit „Riot Dictator“ nicht ganz unschuldig sein dürfte, gilt KOMMANDO als der Vorläufer mit einigen Kassettenveröffentlichungen und einem im vergangenen Jahr bei Ant-Zen erschienen aktuellen Album. Zwar habe ich die Band schon zwei, drei mal live gesehen aber nenne keine ihrer Veröffentlichungen mein eigen. Der Name Ant-Zent und das folgende Video legen aber nahe, dass es hier sehr rhythmisch zugeht.

THOROFON sind da ein Stück mehr dem Old School Industrial verhaftet, mit schrägen Korg-Sounds, monotonen Rhythmen und einem zentralen Erzähler / Shouter, der dem ganzen eine menschliche Komponente verlieht. Die alten Stücke der Band erinnerten immer ein bisschen an SPK mit einem kleinen Schuss „Pop“. Da die Show das 25-jährige Jubiläum der Band feiert, wird sicher das ganze Schaffensspektrum abgebildet, mit neuen und alten Songs.
https://www.youtube.com/watch?v=ofJ_1JEyWz

Wenn es ein Projekt gibt, für das der Begriff Martial Industrial passt, dann ist es TRIARII. Thematisch geht es hier eigentlich immer um Macht und imperiale Stärke. Das weckt bei manchem vielleicht unschöne Assoziationen – wie man auch in vielen Videos auf Youtube sehen kann, die Stücke von Triarii bebildern – aber es zeigt auch, wie anfällig wir für diese Mechanismen sind. Persönlich ist mir das zu eindeutig propagandistisch, hier fehlt mir einfach ein Bruch, der die aufgebauten Klischees wieder in Frage stellt, aus meiner Sicht eines der wichtigsten Stilmittel des Industrial, der nicht nur die Untiefen menschlicher Existent feiern will. Kleiner Fun-Fact am Rande: Der Mann hinter Triarii stammt aus Landsberg…

Eine der Überraschungen des letztjährigen Wroclaw Industrial Festivals waren die französischen TREHA SEKTORI. Mich überzeugte ihre kunstvolle Musik irgendwo zwischen Ambient, Neoklassik und Electronica ebenso wie die mystische visuelle Seite ihres Auftritts. Aus meiner Sicht eine unbedingte Empfehlung für alle Freunde anspruchsvoller elektronischer Musik, manchem aber vielleicht etwas zu ruhig.

Womit wir zur Fraktion der Rhythmiker kommen. Da ich nicht ganz so der Techno-Fan bin, stehe ich der meist etwas kritischer gegenüber. Bei WINTERKÄLTE gibt es aber nichts zu meckern, auch wenn hier das Inhaltliche meist nur über die Titel vermittelt wird. Musikalisch gibt’s komplexe Rhythmen aufs Gehör, voller Energie und mit einer gehörigen Portion Wahnsinn. Bei WINTERKÄLTE sticht ganz besonders das Live-Drumming hervor, das das Projekt auch einzigartig macht. Etwas überrascht war ich, als ich bei meinen Nachforschungen feststellte, dass es bis auf den „Maschinenfest Tracks“-Sampler und Beiträgen z.B. zur Elektroanschlag-CD kein aktuelles Album des Projektes gibt.

Ebenfalls zu den ganz Großen im Rhythmusbereich zählt Dirk Ivens, der zum Jubiläums-WGT gleich fünf seiner Projekte auf die Bühne bringt, vermutlich mit zwei separaten Konzerten. Einmal gemeinsam mit Eric Van Wonterghem als SONAR in der etwas noisigeren Variante, die nachgerade zum Bewegen zwingt. Stillstehen kann man auch nicht bei den Industrial-Varianten, die Ivens mit THE KLINIK und DIVE auf die Bühne bringt. Mit BLOK 57 und ABSOLUTE BODY CONTROL treibt sich der Belgier dann eher in EBM-Gefulden herum, auch hier ist Zappeln angesagt, wenn auch zu etwas stampfigeren Rhythmen. Für die Fans interessant werden dürfte insbesondere BLOK 57. Mit dem Projekt aus den frühen 1990ern steht Ivens nach vielen Jahren mal wieder gemeinsam mit Guy Van Mieghem auf der Bühne, der auch mal bei Vomito Negro aktiv war.

Ebenfalls dem Rhythmus verpflichtet, sind der Schweizer ROGER ROTOR und das sächsische Zwei-Mann-Projekt MASCHINENKRIEGER KR52 VS. DISRAPTOR. Wer Lust auf gepflegtes Zappeln im Grenzgebiet zwischen Techno und Noise hat, der sollt hier vorbeischauen. Während Herr Rotor sich eher straight gibt, zischt und kratzt es bei den Sachsen ein ganzes Stück mehr und die Rhythmen sind auch wesentlich gestörter. Was mir persönlich auch besser gefällt.

An der Grenze zwischen EBM, Metall und Rhythmus-Industrial bewegen sich DIE KRUPPS, und das tun sie bereits seit 1981, sprich also seit 35 Jahren! Der Sound der Band hat sich in dieser Zeit sehr gewandelt, typisch ist jedoch die Härte und nach vorn drängende Energie ihrer Musik. Mit „V – Metal Machine Music“ im vergangenen Jahr ein neues Album herausgebracht, das wohl im Mittelpunkt des Konzertes stehen wird. In diesem Sinne: „Volle Kraft voraus!“

Womit wir bei den Band wären, die sich „ganz offiziell“ dem EBM verschrieben haben, zumindest aber in diese Stilrichtung einsortiert werden.
Das ist zum einen der Däne Claus Larsen aka LEAETHER STRIP, der die typischen stampfenden Rhythmen und kratzigen Stimmen mit klassisch angehauchten und atmosphärischen Synthiemelodien verbindet. Mit dieser Mischung ist das Projekt seit 1989 in der Szene aktiv und Larsen gehört damit zu den Veteranen in diesem Bereich, der sich über die Jahre gut gehalten hat.

Etwa zur gleichen Zeit wie Larsen startete auch ein anderer Claus, Claus Kruse, mit seinem EBM-Projekt PLASTIC NOISE EXPERIENCE. Bis Ende der 1990er veröffentlichte die Band eigentlich regelmäßig Alben, danach wurden die Abstände immer größer. Zuletzt hat Kruse, mittlerweile einziges festes Mitglied von PLASTIC NOISE EXPERIENCE wieder ein neues Album an den Start gebracht. Für mich klingt das aber nicht mehr so interessant, weil zu sehr nach Hell Electro. Der alte, trockene EBM hat mir wesentlich besser gefallen.

Ein kleines bisschen länger dabei, genauer seit Mitte der 1980er, sind SIGNAL AOUT 42 aus Belgien. Die Band, die zwischen 1993 und 2007 quasi verschwunden war, hat 2013 auf Out Of Line das Album „Inspiration“ veröffentlichten. Hier zeigt man sich noch stark seinen Wurzeln verpflichtet: Mal stampft es ordentlich, dann wird es etwas melodiöser, es bleibt aber immer EBM.

Was mir an HAUJOBB – eines der vielen Projekte von Daniel Myer, hier zusammen mit Dejan Samardzic – gefällt, dass hier der Rhythmus nicht allein im Mittelpunkt steht, sondern auch Melodien eine Rolle spielen. Auch werden die Rhythmen immer mal wieder gebrochen, so dass man sich nicht wie am Frohnaer Hammer vorkommt 😉 https://www.youtube.com/watch?v=eA_I7P0cp_M
Vielleicht passen ja auf HAUJOBB auch eher die Kategorien Electro oder IDM, wobei für letzteres der Gesangsanteil deutlich zu hoch ist. 2015 erschien das bislang letzte Album der Band, „Therapy“, in Deutschland auf Myers eigenem Label „Basic Unit Productions“

Einen ordentlichen Kracher kündigt das WGT kurz vor Toresschluss an, CUT HANDS, das aktuelle Projekt von WHITEHOUSE Shouter William Bennett, der hier – so der Name der meisten Platten von Cut Hands – Afro Noise u Gehör bringt. Was man sich darunter vorstellen soll? Energetische elektronische Trommelarbeit plus krawallige Einlagen. Sehr geiler Fusion-Sound!

Ebenfalls recht spät bekannt wurde, dass auch die Schwedin ANNA VON HAUSSWOLFF beim WGT spielt, worüber ich mich sehr freue, da ich sie schon ein paar mal knapp verpasst habe. Die Tochter des nicht ganz unbekannten experimentellen Komponisten CM von Hauswolff veröffentlicht seit einigen Jahren selbst Musik, die mal melancholischer Piano Pop, mal orchestral-elektronische Symphonie ist. Eine klare Linie gibt es nicht, manches ist mir auch zu kitschig aber auf jeden Fall ist die Musik nicht uninteressant.

Einigermaßen spannend werden dürfte auch der Auftritt von VRIL JÄGER, eine Kollaboration von Kim Larsen (Of the Wand & the Moon) und Thomas Bojden (Die weisse Rose). Das Debüt-Album des Projektes ist soeben erschienen und wird hierzulande von Tesco vertrieben. Sehr düster!

Zurück zur Übersichtsseite

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.