WGT 2016: Altbekannt und Altbewährt

Kommen wir um Teil zwei zu den Bands, zu denen man eigentlich nicht viel zu sagen braucht. Wie immer nutzen auch einige Szeneveteranen die Gelegenheit des WGT, um manchmal nach längerer Abwesenheit zu reüssieren.
Eine der Bands, die ich mir ganz sicher nicht entgehen lasse ist AND ALSO THE TREES. Ich durfte die Briten bei einem kleinen Konzert hier in Dresden mal erleben und sie waren einfach fantastisch. Wunderbare, stets melancholische Wave Musik, die zu Herzen geht. Kaum zu glauben, dass die Band seit 1979 existiert und seitdem durchgängig Alben veröffentlicht, wenn auch mittlerweile in etwas größeren Abständen. Ganz aktuell ist das Album „Born into the waves“ erschienen, das Dank der samtenen Stimme von Sänger Siman Huw Jones und elegischen Melodien zum Schwärmen einlädt.

Ebenfalls als ein fester Programmpunkt ist der Auftritt von PETER MURPHY, den ich leider noch nie live gesehen habe. Der ehemalige Bauhaus-Sänger ist sicher einer der großen Charismatiker der Szene; seine unverwechselbare Stimme wertet selbst nicht so tolle Stücke auf. Zugegebenermaßen habe ich seine seit 1986 währende Solokarriere nicht wirklich verfolgt, ich freue mich aber immer über ein Lebenszeichen von ihm. Leipzig ist meine Gelegenheit, ein wenig tiefer in die Materie einzutauchen und die werde ich mir nicht entgehen lassen!

Zur zweiten Generation der Finsterszene gehört JAMES RAYS GANGWAR (GB). Der Name war mir schon lange ein Begriff, wenn ich mir aber so die Musik anhöre, dann stellt sich nicht allzu große Begeisterung ein. Das klingt wie der poppige EBM von The Invicible Spirit etc. Dass ist eher nichts für mich, muss ich gestehen. Die ganz alten Sachen klangen eher noch nach „Alice“ von den Sisters, das hat mir besser gefallen. Nun ja, wenn sich’s ergibt, schaue ich mal rein.
Eine der schrägeren Figuren der Szene ist LENE LOVICH. Die Amerikanerin, mittlerweile schon Mitte 60, ist den meisten vor allem durch ihre Hits „Lucky Number“ und „Bird Song“ bekannt. Allzu viele Alben sind seit dem Debüt „Stateless“ von 1979 nicht erschienen, vielleicht auch ein Grund, warum sich kein dauerhafter Erfolg eingestellt hat. Wahrscheinlich eine der letzten Gelegenheiten LENE LOVICH live zu sehen, und sich an ihrem exzentrischen Auftritt und den berühmten Kieksern zu erfreuen.

Exzentrisch wird auf jeden Fall auch der Auftritt von SIGUE SIGUE SPUTNIK. Ich durfte den Trash-Electro-Punk schon live erleben und ich empfehle das Ereignis für alle Feierwilligen! Da bleibt kein Auge und kein Schritt trocken. Zwar ist der Sound dem 1986er Hit „Love Missile F1-11“ immer ähnlich aber was macht das schon? Party on!

Wesentlich gesitteter und musikalisch auf einem ganz anderen Niveau geht es bei THE LEGENDARY PINK DOTS ab. Die Holländer gehören mit ihrem psychedelischen Pop seit langem zu meinen Lieblingen, insbesondere live macht es immer wieder Spaß mit Edward Ka-Spel und seinen Mannen auf einen Trip zu gehen und sich Fallen zu lassen. Wer’s noch nicht gesehen hat, der sollte die PINK DOTS nicht verpassen, die sind wirklich legendär!

Eigentlich hätte ich IN THE NURSERY auch in der Sektion Krach abhandeln können, schließlich sind die Briten mit ihrem bombastischen, Neoklassik Sound bei vielen Industriellen sehr beliebt, auch Dank zahlreicher Filmsoundtracks (2015 erschien „The Fall Of The House Of The Usher“). Das Konzert zum 35. Jubiläum wird aber ein sehr breites Publikum anziehen, von Klangfetischisten über Synthiepopper bis hin zu Dunkel-Romantikern, denn die Musik gibt allen Raum.

Live durfte ich CINEMA STRANGE schon zwei oder dreimal erleben. Die Amis gehören zu den wichtigsten Vertretern der Death Rock Wiederbelebung der frühen 2000er, die den Sound von Christian Death & Co. erfolgreich ins neue Jahrtausend getragen haben. Und das in einer Zeit, als man den Eindruck gewinnen konnte, die Schwarze Szene ist komplett dem Billigtechno verfallen oder feiert geschmacksfrei die Neue Deutsche Härte ab. So schräge Gestalten wie Lucas Lanthier und seine Mannen waren da eine echte Offenbarung. Schade, dass es um CINEMA STRANGE sehr ruhig geworden ist, auch Lanthiers zweites und derzeit aktuelles Projekt THE DEADFLY ENSEMBLE hat seit 2012 nichts Neues veröffentlicht. Aber wie ich gerade feststellen musste, spielen auch in Leipzig. Eine gute Gelegenheit, den Herren, der stimmlich ein wenig an Andi Sexgang erinnert, beim „weltweit exklusiven Konzert 2016“ wieder live zu erleben.

Manchen wird es bei meinem Musikgeschmack verwundern, dass ich DIARY OF DREAMS mag, aber ich fand die Band um Sänger Adrian Hates schon seit ich das erste Mal von ihr hörte, eine Ausnahmeerscheinung. Zum einen voll szenekompatibel, zum anderen aber auch offen und spannend genug, dass man ihr auch mit einem kritischen Blick auf die typischen Szeneklischees lauschen kann. Bis Anfang der 2000er habe ich das Schaffen von DIARY OF DREAMS verfolgt, danach nicht mehr. Eine gute Gelegenheit also für ein Update, schließlich sind seitdem eine Reihe neuer Alben erschienen, zuletzt im vergangenen Jahr „Grau im Licht“. So wie sich das anhört, hat sich die Band aus meiner Sicht aber nicht unbedingt positiv weiter entwickelt.

Erwähnen möchte ich noch einige Bands, die ich zwar ganz OK finde, mir aber wahrscheinlich nicht anschauen werde, so da wären ARTWORK, die ich in den 1990ern gesehen habe, mit einem Oswald Henke, der Falco imitierte. Das von Jochen Schoberth gegründete Art-Rock-Projekt war eine Art Sammelbecken, bei dem die verschiedensten Musiker mitgewirkt haben, u.a. besagter Herr Henke von Goethes Erben. Die Alben waren recht erfolgreich, seit über zehn Jahren gibt es von ARTWORK aber nicht viel Neues zu vermelden.

Nicht ganz so lange liegt das letzte Lebenszeichen von ESTAMPIE zurück, 2013 erschien „Secrets Of The North“. Charakteristisch für die bereits 1985! gegründete Mittelalterband ist die Übertragung alter Melodien in einen eher zeitgenössischen, popmusikalischen Kontext und die leicht opernhafte Stimme von Sängerin Sigrid Hause, die auch beim ähnlich gelagerten Projekt QNTL dabei ist.

Eine der erfolgreichsten deutschen Szene-Bands waren sicher die GIRLS UNDER GLASS, die in Leipzig ihr 30-jähriges Jubiläum feiern und dazu Gäste eingeladen haben. Der elektronisch verstärkte Rock kommt live noch immer ganz gut beim Publikum an, mein Ding ist es nicht so recht, da mittlerweile zu nah an dem, was als Neue Deutsche Härte gefeiert wurde. Die Vorläuferband Calling Dead Red Roses mit ihrem Wave-Hit „Love And Misery“ war da eher mein Fall. In der Szene kommen die Girls aber immer noch recht gut an, auch wenn nach 14 Alben im Jahr 2005 Ruhe einkehrte.

Auch wenn DAS ICH immer viele Kritiker in der Szene hatte, ich fand die Musik der beiden Herren immer interessant. Dass sich Herr Kramm immer als Szeneguru aufspielen musste, sei’s drum. Das Debüt „Die Propheten“ von 1991 ist bis heute ein Hammer und auch auf den nachfolgenden Werken gab es immer interessante Stücke im typsichen Bombastsound. Live macht insbesondere der expressive Sänger Jörg Ackermann was her, der mit vollem Einsatz über die Bühne tigert. Allerdings ist es auch um DAS ICH recht still geworden, als letztes Album ist „Koma“ von 2010 aktenkundig. Das liegt sicher auch an der schweren Erkrankung, von der Ackermann mittlerweile genesen scheint. Hoffen wir auf einen energetischen Auftritt!

Aus älteren Tagen noch bekannt ist mir THE ANGINA PECTORIS, die beim WGT ihr erstes Konzert seit 15 Jahren spielen. Der Gothic Rock orientierte sich immer an Fields Of The Nephilim oder Love Like Blood, eine der vielen Bands, die diesen Sound Mitte der 1990er spielten. So recht kann ich mich nicht mehr erinnern, was der Hit der Herzkranken war aber zumindest der Name ist hängen geblieben. Mit einer Art Best Of CD im Gepäck ist die Band nun wieder am Start. Kann man mögen, muss man aber nicht.

THE HOUSE OF USHER dagegen habe ich mehrfach auch live gesehen. Die Gothic Rockband um den charismatischen Sänger Jörg Kleudgen gehört in den 1990ern zu den festen Größen der Szene mit zahlreichen Alben und Live-Auftritten. Verfolgt man die Discografie, war die Band nie völlig verschwunden, 2015 ist mit „Inauguration“ sogar ein neues Album erschienen, dass etwas mehr nach Psychedelic Rock klingt, als die alten Werke. Leider tritt hier Kleudgens unverwechselbare Stimme auch nicht mehr so sehr in den Vordergrund…

Die Dame hätte auch unter dem Punkt Krachbands erwähnt werden können, obwohl ROSE MCDOWALL niemals solchen gemacht hat. Die gebürtige Schottin gehört(e) zum Umfeld von David Tibet, sang bei dessen Projekt Current 93, bei Death In June oder als SPELL mit Boyd Rice. Ihre eigenen Stücke mit STRAWBERRY SWITCHBLADE oder SORROW sind immer sehr zart und poppig, häufig vom Bubblegum-Pop der 1960er beeinflusst. Unter ihrem eigenen Namen hat ROSE MCDOWALL nicht allzu viel veröffentlicht, weshalb anzunehmen ist, dass sie Stücke von ihren verschiedenen Projekten zu Gehör bringt.

Erwähnt werden sollen auch noch PROJEKT PITCHFORK, die ja viele Fans in der Szene haben, bis auf ein paar wenige Titel bin ich nie so recht mit der Band warm geworden.

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