Holotrop – Trip into your mind

Seit 2013 veröffentlicht da Projekt Holotrop Tonträger, die es in sich haben. Grob lässt sich die Musik in den Bereich Ambient / Ritual einordnen, wobei damit nur gesagt ist, bei Holotrop handelt es sich nicht um Musik für (Szene)Disko, sondern eher für die Kontemplation, auch wenn gerade in den aktuelleren Werken Rhythmen eine Rolle spielen. Typisch für Holotrop sind die ungewöhnliche Instrumentierung – so kommen viele Klangerzeuger zum Einsatz, die auch in schamanischen Performances ihre Anwendung finden und dass die Veröffentlichungen immer einem Konzept folgen, die häufig psychedelische Erfahrung zum Inhalt haben, eine andere Sicht auf die Welt. Auf den Holotop Sound anwenden ließe sich auch das momentan etwas überstrapazierte Wort „Achtsamkeit“, hat der Hörer doch das Gefühl, dass hier jeder Ton bewusst und mit voller Konzentration gesetzt wurde. Dabei wirkt die Musik aber nie konstruiert sondern immer in einem natürlichen Fluss, fernab aller Moden und absolut zeitlos.
Ein weiterer Aspekt des Holotrop-Werkes ist die ausgesuchte und handgefertigte Verpackung, die Sammlern die Freudentränen in die Augen treiben dürfte. Allerdings wäre es eine ausgemachte Dummheit, die Releases nur zu kaufen, um eine obskure materielle Leidenschaft zu befriedigen, denn Holotrop ist in erster Linie ein psychedelisches Projekt, dass es sich zum Ziel gesetzt hat, die Pforten der Wahrnehmung zu öffnen. In diesem Sinne, werfen wir einen Blick auf das Holotrop-Werk (das hier bei Bandcamp eingesehen werden kann)…


Holotrop - Doorway to the Numinous

Doorway to the Numinous (MC, Qualia)

Im Jahr 2013 erschien die Debüt-Kassette „Doorway to the Numinous“ mit zwei längeren Stücken, beide knapp 10 Minuten lang.
„Healing our deepest wounds“ ist ein unglaublich intensiver Ambient, der von der Langsamkeit und der Sparsamkeit lebt. Statt ausgewalzter Keyboardflächen gibt es hier nur wenige verhallte Töne zu hören, dazu ungewöhnliche Knarrgeräusche und das Klappern metallischer Blättchen.
„Last Dimension“ ist etwas „weiter“, weniger „erdig“, energetischer. Ein vorwärtsdrängender Drone, Klangschalengongs, Atemgeräusche und eine Art Flöte – alles eher organisch – die durch ein metallisches Zischen kontrastiert werden. Die Stimmung hier erinnert eher an einen Flug.

Das Tape ist auf 25 Stück limitiert. Als Verpackung dient ein kleines Baumwoll-Säckchen, in dem noch Peyote Samen, ein Anstecker und ein kleines Kärtchen enthalten ist. Auf letzterem prangt als Botschaft das Wiliam Blake-Zitat: „If the doors of perceptions were cleansed, everything would appear to man as it is: Infinite“. Selbiges inspirierte Aldous Huxley zum Titel seines Buches „The doors of perception„, was wiederum Jim Morrison zum Namen seiner Band inspirierte…


Holotrop - Invocation

Invocation of the Unthinkable (MC, Qualia)

Das Zweitwerk von Holotrop aus dem Jahre 2014, enthält bereits mit vier Stücke. Das namensgebende „Invocation of the Unthinkable“ hat etwas Entrücktes. Auf- und abschwellende Drones erzeugen eine eigenartige Dynamik, die durch sparsam eingesetzte Trommelschläge, Rasseln und verhallte Geräusche verstärkt wird.
„Dark Matter“ ist hingegen etwas holprig, was aber nicht störend wirkt, sondern das Stück wesentlich spannender macht. Hier verbinden sich tieffrequenter Ambient im Stile von Lustmord (wenn auch ein wenig schwungvoller) mit hochgradig atmosphärischen Raumgeräuschen.
Passend zum Titel „The Fog of Nothingness“ setzt Holotrop auf einen sehr spukigen Ambient mit leichter Weltraumkomponente. Sich entfaltende und durch den Raum schwebende, flirrende Klangflächen, die zum Klang schneidender Töne verglühen.
Mit “ Above the Ruins of Humanity“ schließt das Werk eher etwas konventioneller, die dramatischen Chöre aus dem Keyboard hat man schon öfter gehört, doch werden sie nicht als zentrales Element sondern nur zur Akzentuierung eingesetzt. Das Außergewöhnliche, die eigentümlichen Geräusche, die das Gehör fordern, sind wieder das tragende Element des Ambient Stückes.
Das auf 44 Stück limitierte Tape ist in einem kleinen Pappkarton verpackt, neben dem Tonträger sind ein Anstecker, eine Räucherkerze und zwei Bilder enthalten, eines mit einem nihilistischen Zitat von Ulrich Horstmann.


Holotrop - Transpersonal Musick

Transpersonal Musick (10“ oder CD, Qualia)

„Transpersonal Musick“, erschienen 2015, gibt es auf Vinyl und auf CD, wobei die CD zwei Stücke mehr enthält. Das ist aber kein allzu großes Problem, denn der Platte liegt ein Download Code bei, so dass der Holotrop-Fan trotzdem in den Genuss aller Stücke kommt.
Beginnen wir also mit den beiden Visionen, die auf beiden Tonträgerarten vorhanden sind:
„Vision I“ ist wieder ein sehr reduzierter Ambient mit allerhand rituellem Geräusch, dem diesmal jedoch ein langsamer, für Holotrop bis dato ungewöhnlich druckvoller „Beat“ dazugesellt wird. Wobei Beat immer gleich Tanzmusik impliziert, was hier nicht passt, denn eine Tanzbewegung kommt bei den spartanisch-elektronischen Schlägen eher nicht zustande. Stattdessen erinnert das Ganze mit zunehmender Laufzeit eher an Einschläge von Granaten.
„Vision II“ ist das erste „richtige“ rituelle Stück mit einer eingängigen schamanischen Trommel über einer ambienten Atmosphäre, die nach elektronisch verfremdeten Insektengezirpe und Vogelgekecker klingt. Wenn der dunkle Gesang, mehr ein Chanten, einsetzt, fühlt sich der Zuhörer endgültig als Teilnehmer einer atavistischen Geisterbeschwörung.
Den besonderen Reiz des auf- und abschwellenden Ambient-Stückes „Enter the lucid dream“ macht das Sample aus, bei dem der Hörer etwas über luzide Träume erfährt.
„The Cave Of Oblivion“ erzeugt mit einem eher hintergründigen „Geräuschpegel“ und seinem spartanisch eingesetzten metallischen Schlagwerk – es handelt sich dabei um eine Art Becken – eine meditative Stimmung, die durch ein zartes aber durchdringendes Fiepen eine leicht bedrohliche Note bekommt.
Das transparente Vinyl ist in eine Jute Hülle verpackt und enthält eine Pfeilspitze und ein Duftöl, ein mit mysteriösen Symbolen bemaltes Stück Leder und eine Postkarte, wecken die Erinnerung an unsere Vorfahren, wobei die Ahnenlinie, wie man sich leicht denken kann, nicht in der Mitte des 20 Jahrhunderts endet, sondern sehr viel weiter zurück reicht, in eine vorpolitische Zeit. Auch mit Hautfarbe etc. hat das Ganze nichts zu tun, hier geht es um die Ahnen der Menschheit im Allgemeinen. Schlimm, dass man das immer dazu sagen muss…


Holotrop - Nam-khar

Holotrop / Nam-khar – Dukkha (7“, Qualia)

Im gleichen Jahr wie „Transpersonal Musick“ erschien auch Dukkha, ein Split-Tonträger mit dem mysteriösen Ritual / Drone / Ambient / Industrial-Projekt Nam-khar.
Auf Seite A dieser kleinen Platte hören wir einen typischen Holotrop Song – sehr düster, zurückhaltende aber wie immer ergreifend atmosphärisch. Zum bedrohlichen Dröhnen kommen, passend zum Title „Monks in chains“, Kettengerassel, Trommel- und Klangschalenschläge, die wie die Laute einer Uhr wirken, dazu tropfendes Wasser, Kehlkopfgesang. Womit die kulturelle Referenz zum Anlass der Scheibe gezogen wäre, schließlich steht „Dukkha“ für „Leiden“ und damit ist wohl auch das Leiden der Tibeter im Rahmen der chinesischen Besetzung ihres Landes gemeint.
Der Beitrag von Nam-Khar ist ein klein wenig freundlicher, sowohl im Basis Drone als auch in der Gesamtstimmung des Stücks. Ein fast Rudersklaven-artiger, monotoner Trommelschlag, die unvermeidliche Klangschalen, Atemgeräusche: auch Nam-khar verstehen es, den Hörer mit auf eine Reise zu nehmen.
Die auf 30 Stück limitierte 7“ kommt in einem roten Baumwoll-Cover, als Beilage gibt es eine Postkarte sowie einen Aufkleber.


Holotrop - Nagual

Nagual (CD + MC, Qualia)

Nagual ist in der mythischen Erzählung Mittelamerikas eine Art persönlicher Schutzgeist in Tier- oder Pflanzenform, das Wort selbst bedeutet so viel wie „verborgen“, „verhüllt“. „Was wir sehen, ist nicht, was wir sehen, sondern was wir sind“ lautet das Geleitwort zu diesem ersten full-length Album von Holotrop, ein Zitat des portugiesischen Dichters Fernando Pessoa. „NAGUAL leads you in a world behind this world, with many references to the pioneers of the transpersonal way.“, heißt es zudem auf Bandcamp. Machen wir uns also auf die Reise!

Das Titelstück ist ein eher unspektakuläres Ambient Intro mit einem scheppernden Drone, das kaum in Erinnerung bleibt. Doch schon „Liquid Slow Dream“ öffnet den Raum für Größeres, im Stile von Inade. Eine mystische, rausmausfüllende Atmosphäre, in die sich Geräusche wie kollidierende Eisschollen mischen, verhallte metallische Schläge eine dämonische Stimme, alles vorangetrieben von einer schamanischen Trommel.
„Soma“ nimmt Geschwindigkeit und Intensität wieder zurück, ist anfangs kaum mehr als eine vom Wind geprägte Geräuschkulisse. Dann setzt jedoch eine Harfe oder Zither ein, wenige Töne, die den Hörer jedoch gefangen nehmen und das wahrscheinlich aus einem Timothy Leary-Interview stammende Sample zum „use of drugs“ in seiner Wirkung verstärken.
Bei „The Way Of San Pedro“ verwendet Holotrop einen sich langsam in seiner Intensität steigernder Ambient, der durch schamansiche Trommeln angetrieben wird. Ein Stück, das problemlos auf mehrere Stunden ausgebaut werden könnte und garantiert zur Trance führt. Der Titel des Stückes, bezieht sich wahrscheinlich auf den psychotropen San Pedro-Kaktus, der bei den rituellen Zeremonien der Indianer Mittelamerikas eine Rolle spielte und dessen Verwendung nach der Eroberung durch die Spanier von deren katholischer Kirche verboten wurde.
Das sich langsam entwickelnde „Question Authority“ gehört aufgrund seines Samples zu meinen Lieblingsstücken auf dieser CD. Über Geräuschen, die von Vögeln zu stammen scheinen, einem Vocodergetränkten Drone und leisen, kaum verständlichen Beschwörungen schichtet Holotrop, seltsam verzerrte Schreie und kraftvolle, echoverstärkte Trommelschläge und ein Sample – wieder Herr Leary? – dessen Kernbotschaft lautet: „Think for yourself and question authority!“ Eine Message, die durch brutale Fieptöne dem Hörer ins Gehirn gebrannt wird.
Die Reise ins „Neverland“ ist dann eher traumhaft, wenn nicht gar alptraumhaft: Der sparsame Drone Ambient weckt die Vorstellung von einem langsamen Flug über Wüstengebiete. Erdung entsteht jedoch durch offensichtlich menschliche Geräusche; Schritte über trockenen Boden oder das Öffnen eines Tores.
„Burning Clouds“ beginnt mit einer Art Meeresrauschen über anschwellendem Drone Ambient, bevor ein verhallter, räumlich aufgesplitteter aber scharfer Rhythmus einsetzt. Dies ist der Signal für die Intensivierung eines basslastigen, eindringlichen Drones und der ständigen Wiederholung von „find the others“. Das Finden der „Anderen“ als Grundlage für die eigene Entwicklung; „vom ich zum wir“, der Weg raus aus der Isolation.
„Ergot“ ist eine andere Bezeichnung des Mutterkorns. Der Pilz, der eine psychotrope Substanz enthält, stellte für unsere Vorfahren noch ein echtes Problem dar, denn von Mutterkorn befallenes Getreide führte zu schrecklichen Vergiftungen. Und nicht nur das: Wer den Pilz verzehrt hatte, wurde von diabolischen Halluzinationen gequält, die manchen in den Wahnsinn trieben. Aus der im Mutterkorn enthaltenen Lysergsäure entwickelte der Schweizer Chemiker Albert Hoffmann Anfang des 20 Jahrhunderts die Droge LSD (Lysergsäure-Diethylamid), bis heute ein Klassiker der psychedelischen Reisen. Der hier vertonte Trip ist eher entspannt, fast schon neutral, ohne positive oder negative Assoziationen. Der leicht düstere Ambient lässt anfangs vielmehr an einen körperlosen Zwischenzustand denken, der erst durch leicht metallisch klingende Schläge aufgehoben wird.
LSD war das Mittel der Wahl, um die Pforten der Wahrnehmung zu öffnen, bei „Open The Gates“ steht scheinbar ein dämonisches Wesen am Eingang, dass mit tiefen gutturalen Lauten und metallischem Geschepper den Reisewilligen, der in immer neuen Versuchen – musikalisch durch auf- und abschwellende hohe Töne illustriert – gegen die Pforten anrennt, zurückzuhalten versucht. So zumindest meine Interpretation.
Eher zurückhaltend ist „Spiritual Amnesia“: Über ambienten Klangflächen entwickeln sich Sounds von Klangschalen, mal verhallt, mal klar. So entsteht eine meditative Stimmung, die dem Titel eher nicht entspricht, ist hier doch eine spirituelle Verinnerlichung möglich. Doch wahrscheinlich soll das Stück nur einen Zwischenzustand dokumentieren, der durch „The Fire Of Consciousness“, das Feuer des Bewusstseins, auf neue spirituelle Ebenen führt. Schade, dass sich das nicht in einem Feuer-Geräusch niederschlägt aber das wäre wohl zu naheliegend. Der entrückte Ambient mit Klangschalen-Einsprengseln und Bewusstseins-Samples begleitet die Reise in eine andere Ebene des Bewusstseins. Ist die Tür einmal durchschritten, gibt es kein Zurück mehr…

Mit der Kassette „Live At Stone Circle Lenzen“ geht der Hörer hingegen weit in der Zeit zurück, nimmt Teil an einem Ritual, dass die Grenzen zwischen erdgebundenem Körper und Geist aufhebt. Das hier zu Hörende entzieht sich jeder zeitlichen Zuordnung, hätte so auch schon in der Steinzeit entstanden sein können. Der fast vollständige Verzicht auf Elektronik und der Einsatz von Instrumenten wie Flöte oder Rassel machen dies möglich. Aufgenommen live an einem authentischen Ort

Selbstverständlich darf auch bei diesem release ein Wort zur Verpackung nicht gfehlen, die wieder einmal üppig und aufwändig ausgefallen ist. Beilagen wie geduckte Inforkarten, eine faltbare schwarze Pappverpackung von Kasette und CD und ein mit dem Holotrop Logo bedruckter Stoffbeutel, sind allein Grund genug, sich dieses Release nicht entgehen zu lassen.

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