Wroclaw Industrial Festal 2015 – 4 Tage Wahnsinn

Das Wroclaw Industrial Festival ist aus meiner bescheidenen Sicht derzeit das wichtigste Festival für dieses Musikgenre, auch oder gerade weil der Begriff Industrial hier weit gefasst wird und man nicht immer nur die gleichen drei Bands zu sehen bekommt, sondern auch viel Neues und alte Helden, von denen man nie geglaubt hätte, sie jemals noch auf der Bühne zu erleben.
Der Hauptteil des Festivals beginnt seit einiger Zeit bereits am Donnerstag, früher gab es sogar noch Shows davor. Im Freundeskreis hat es sich eingebürgert, bereits an diesem Tag anzureisen und sich somit die volle Kante zu geben. In diesem Sinne: Here we go!

Donnerstag

Angel Of DeathMittag von Arbeit losgestürzt, in den Zug nach Löbau und von da aus als Mitfahrer mit dem Auto bis Wroclaw – Eintreffen in der Stadt wie immer in der Hauptverkehrszeit, Stau bis zum Anschlag. Zum Glück merkt man im Stadtzentrum, wo wir uns hauptsächlich rumtreiben, nicht so sehr, welche fatale Rolle der Autoverkehr im schlesischen Industriezentrum spielt…

Nach dem Einchecken und einem Imbiss (fest und flüssig) ging es zum Festival in die Gothic Hall, das pünktlich mit TABOR RADOSTI begann. Mit ihrem mystisch-kraftvollen Klängen, den Masken und passenden Projektionen schufen die Tschechen die perfekte Einstimmung auf vier verrückte Tagen.

BLACK LIGHT ASCENSION, die ich bereits in Fürth erleben durfte, zeigten dann die experimentelle Musik von ihrer poppigen Seite. Mir war das Ganze etwas zu nett, auch wenn Andrew Trail eine sehr schöne Stimme hat.

Das Highlight des Abends waren, sicher nicht nur für mich, SOL INVICTUS, allerdings klang der Sound der Briten alles andere als ideal. Es klirrte regelrecht und so richtig Stimmung wollte nicht aufkommen, auch wenn ich machen Hit mitsang.

Im Anschluss an das Konzert gingen wir in die Absturzkneipe gegenüber unserer Unterkunft und tranken noch ein Bierchen, diskutierten lautstark und lachten viel…

Freitag

Die Bauarbeiten am Dach gegenüber sorgten dafür, dass wir nicht allzu viel Schlaf bekamen. Sightseeing, Essen, kurze Erholungsphase und schon war es wieder an der Zeit, in Richtung Gothic Hall loszutraben, wo DAINA DIEVA den Abend eröffnete, diesmal im Stary Klaster, dem kleineren Raum im Erdgeschoss des Gothic Hall Gebäudes. Leider hatte die Litauerin ein wenig Pech mit ihrer Technik und so fiel der Gig etwas kurz aus und die Künstlerin wirkte über weite Strecken eher unglücklich und nervös. Schade, denn ich mag ihre düster-melancholische Ambient Musik seh.

Bei 1.9.8.4. hatte Tony Wakeford dafür ein breites Grinsen im Gesicht, denn die über 30 Jahre alten Songs von Crisis und den frühen Death In June, die aus seiner Feder stammen, kamen auch bei einem jüngeren Publikum an. Insbesondere aber die Szeneveteranen feierten euphorisch – wer hätte schon gedacht, Titel wie „PC 1984“, „No Town Hall“ oder „In The Night Time“ noch einmal live vom Meister persönlich zu hören?

Als nächstes spielten Wakefords Mitstreiterinnen bei Sol Invictus, Carolin Jago und Lesley Malone, ihr Ambient Set als SHADOW BIOSPHERE im Stary Klaster. Persönlich fand ich diesen Auftritt enttäuschend, die exzessive Verwendung von Preset-Sounds nervte mich schon nach wenigen Minuten.

Die Landsleute von SPLINTERED um den energetischen Richard Johnson (auch THEME) ließen es dafür ordentlich krachen und bereicherten das Soundspektrum des Festivals um die Note des Noise Rock. Manchmal hätte ich mir zwischendurch auch einige ruhigere Passagen gewünscht, so verließ ich dann nach 30 Minuten etwas überfahren das Set.

Mit den französischen CENT ANS DE SOLITUDE stand dann eines meiner Lieblingsprojekte auf der Bühne. Unglaublich, wie Jean-Yes Millet komplexe Sounds quasi wortwörtlich „zusammenschraubt“ und das nicht, indem er Knöpfchen dreht, sonder mittels echter, massiver metallischer Klangerzeuger, deren Sounds er manipuliert. Daraus entsteht ein intensives Klanggemälde, dessen Wirkung durch passende Projektionen untermalt wird. Man kann das gerne Oldschool Industrial nennen oder einfach nur großartige Klangkunst.

MERZBOW boten auf großer Bühne das, was ich „Gehirnfasching“ nenne, eine kraftvolle Frequenzkanonade, eine durchdringende Sounddusche, die zumindest einen Teil des Publikums auch körperlich aktivierte, während der Rest sich den eisigen Noisewind in stiller Ehrfurcht um die Nase blasen ließ. Akita stand hinter einer riesigen Batterie an Equipment allein auf der Bühne und bediente den Maschinenpark routiniert. Mehr war hier nicht nötig.

Nach dem ChillOut im Raucherzelt schaute ich noch bei DEAD VOICES ON AIR vorbei – das komplette Kontrastprogramm zu Merzbow. Mark Spybey saß hinter seinem Labtaop und wirkte dabei wie ein Schriftsteller, der Satz um Satz zu einer Geschichte aneinander reiht, diese verdichtet, neu arrangiert. Seine warmen ambienten Sounds mit einer Note Pop sind die passenden Klänge für träumerisches Schwelgen und die innere Selbsterforschung.

Nach so viel Innerlichkeit drehte Thomas Ekelund mit seinen TREPANERINGSRITUALEN noch einmal richtig auf. Der Death Industrial mit viel Körpereinsatz wirkte auch Dank fetter Anlage so, wie er sollte: kraftvoll, brutal, unausweichlich. Der beste Gig des Schwedens, den ich bisher gesehen habe – über den Auftritt im Berliner Asi-Schuppen Urban Spree breite ich lieber den Mantel des Schweigens – und ein guter Abschluss für Tag zwei des Festivals, der wieder in der Absturzkneipe endete. „No German takeover today“, lautete die Forderung des Hausherren und wir hielten uns daran 😉

Samstag

Do it yourselfEtwas besser ausgeschlafen ging es am Samstag ins polnische Nationalmuseum. Viele schöne historische Stücke gab es zu sehen, die zeitgenössische Kunst war dagegen sehr gut versteckt. Dabei hatte auch die einiges Interessantes bieten, wie z.B. das Do-it-yourself-Kit zum Jesus nageln. Einigermaßen weitergebildet machten wir uns auf den Weg zum Screening von „INDUSTRIAL SOUNDTRACK FOR THE URBAN DECAY“, eines vollmundig angekündigten Filmes über Industrial. Nunja, in einer dreiviertel Stunde wurde da in MTV Schnittgeschwindigkeit die aus dem Industrial Culture Handbook bekannte Geschichte des Genres bebildert. Angesichts der Tatsache, dass man die Informationen heutzutage bei Wikipedia nachlesen und vieles auch bei Youtube & Co. anschauen kann, war das Endergebnis alles andere als befriedigend. OK für alle, die noch nie etwas über Industrial gehört haben, für ein Fachpublikum jedoch komplett verzichtbar – vor allem auch deshalb, weil es absolut nichts Neues gab und nur das naheliegende mit dem üblichen Personal zur Sprache kam. Größtes Manko aus meiner Sicht war jedoch, dass der Film als Rückblick stehen blieb und einen Einfluss des Industrial auf aktuelles Kunst- und Kulturschaffen nur behauptete aber nicht bewies. Ein paar Fotos bekannter Künstler wurden gezeigt und das war’s. Da bleibt also noch Platz für einen Teil zwei, dann ist das Werk vielleicht auch abendfüllend.

Besser:

Nach der Show – die anschließende „Diskussion“ soll noch sehr lustig gewesen sein – gingen wir in zum Festival, wo ABANDONED ASYLUM den Abend eröffneten. Die Ambient Musik von Lukasz Czajka ist mehr etwas zum Hinsetzen und die Augen schließen bzw. zum Betrachten der düsteren Bilder, die mitgeliefert werden; so ganz die perfekte Atmosphäre bot das Stary Klaster da nicht.

Den Opener im Saal gaben die französischen TREKA SEKTTORI, die mir richtig gut gefielen. Interessante mystisch-ambiente Atmosphären, viele Breaks und Umschwünge und dadurch wenig vorhersehbar sowie ein künstlerisches Video – ich fand das Ganze sehr ansprechend. Andere waren da anderer Meinung aber die Geschmäcker sind halt verschieden. Schade, dass keine CD om Projekt erhältlich war, ich hätte gern eine erworben.

Über MUSHY im Stary Klaster will ich mich nicht äußern und auch MUSHROOM PATIENCE blieben weit unter ihren Möglichkeiten. Beiden Projekten widmete ich nur wenige Minuten, bevor sie mich zu langweilen begannen. Die freie Zeit wurde mit Gesprächen und Getränken ausgefüllt.

Zwischen diesen beiden Ausfällen durfte ich noch LAST DOMINION LOST erleben, bei denen Til Brüggemann von Gerechtigkeitsliga den so plötzlich verwaisten Platz von John Murphy einnahm. Sein zuverlässiges Trommeln und die stoisch-routinierte Arbeit von Julian Percy sorgten dafür, dass der Gig nach einigen Hängern ordentlich über die Bühne gebracht wurde, auch wenn John Evans teilweise ziemlich im Wald stand. Im Vergleich zu dem von mir als Debakel empfundenen Auftritt beim WGT zeigten sich Last Dominion Lost in Wroclaw aber richtig stark. Feiern sollte man am besten erst, wenn der Gig durch ist – wenn die Band und insbesondere ihr Frontmann diesen Ratschlag beherrscht, dann stecken sie noch viele Jüngere locker in die Tasche.

Mit SIXTH JUNE, die zwischen Test Dept. und Prurient auf der kleinen Bühne spielten, hatte ich kein Glück, ich habe sie verpasst. Schade aber was soll man machen? Letztendlich bin ich auch kein allzu großer Fan dieses 80er Retro Pop. Das war alles in meiner Jugend und die ist lange her…
Der energetische Auftritt von TEST DEPT. REDUX mit einer großartigen Drummerin ebenso wie das Power Electronics Gewitter von PRURIENT forderten meine ganze Aufmerksamkeit und vollen Körpereinsatz (mit einigen Rückständen im Gesicht und an den Oberarmen), da war kaum Platz für zarte Zwischentöne.
Von beiden Konzerten blieb mir eigentlich nicht viel mehr als ein positives, kraftvolles Gefühl. Vielleicht lag es an der reinigenden Kraft der Klänge oder auch am Alkohol, der wie immer reichlich floss, dass ich nicht mehr alles mitbekam, was um mich herum geschah und mich einfach mitreißen ließ, statt zu analysieren.
Zum Glück habe ich gute Freunde und so wurde ich zufrieden aber ganz schön fertig in den heimischen Hafen geschleppt, um dort unversehens ins Bett zu fallen. Festivals können ganz schön anstrengend sein…

Sonntag

Den letzten Tag ließen wir dann etwas ruhiger angehen. Rumlaufen, Bier trinken (u.a. in der wunderschönen Jugendstil-Kneipe an der Uni), ordentlich Essen beim mittlerweile traditionellen Industrial Mafia Treffen, wie ich es liebevoll nenne, bevor es dann wieder zur Location ging.

ESCAPE FROM WARSHAW spielten ein angenehm energetisches Set irgendwo zwischen Techno und Acid, das mich ein wenig an diese Phase bei Psychic TV oder das „Evolution“-Album von Alien Sex Fiend erinnerte. Auf jeden Fall ein interessanter Ausflug in etwas andere musikalische Gefilde.

Auf 23THREADS hatte ich mich besonders gefreut, denn die aktuelle Platte des Duos gefällt mir ausnehmend gut. Und ich wurde nicht enttäuscht: Sängerin Ingrid bringt auch live diese David Tibet / Current 93 madness rüber, die mich immer wieder begeistert. Musikalisch ist der „Weird Folk“ der Band etwas experimenteller und elektronischer als der aktuelle Sound der Engländer.
Leider spielten 23Threads nur sehr kurz, dann wechselte Mastermind Marek Marchoff zu seinem Hauptprojekt DIFFERENT STATE, mit dem es etwas härter aber auch straighter und melodischer wurde.

RIGOR MORTISS spielten dann das, was man als Industrial Metal oder elektronisch gepimpten Hardcore bezeichnen kann. Nicht schlecht aber absolut nicht mein Ding. Ich entfernte mich also alsbald zum Quatschen und Trinken.

Zu guter Letzt betraten noch COLUMN ONE die Bühne, wo sie noch eine recht obskure Show abzogen, von der ich aber, weiter hinten stehend, nicht allzu viel mitbekam. Die Musik – schön schräge Electronica mit Tendenz zum Noise – genügte mir vollends, um das Konzert zu den herausragenden des Festivals zu rechnen. Nach dem eher ödem Auftritt beim Morphonic Lab stellten mich die Berliner, die sich so verzweifelt dagegen wehren, irgendwelche Erwartungen zu erfüllen, wieder mal zufrieden. Ein würdiges Finale für ein tolles Festival.

Die legendäre Abschlussparty ließ ich diesmal sausen, da sich die Gelegenheit zur sofortigen Heimfahrt bot. Beim nächsten Mal bin ich aber wieder dabei. Versprochen!

Ein Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.