Start ins neue Jahr mit zwei Doppelkonzertfreitagen

Es ist wie immer: Manchmal ist gar nichts los, an anderen Tagen kommt es dicke. So wie den vierten und fünften Freitag dieses Jahres, als jeweils gleich zwei interessante Konzerte auf dem Plan standen.

Hinspiel-Doppel

Am 22. Januar spielten DANIELLE DE PICCIOTTO und Alexander Hacke in der Scheune, sie bekannt von Crime And The City Solution, er vor allem als Mitstreiter bei den Einstürzenden Neubauten. De Picciotto und Hacke sind privat ein Paar, beide Musiker, da liegt es nahe, dass sie auch zusammen musizieren. Zwei Alben gibt es von dem Duo schon, im Frühjahr soll das dritte namens „Perseverantia“ erscheinen. Von eben diesem bisher unveröffentlichtem Werk und von „Tacoma“, dem Soloalbum de Picciottos kamen an diesem Abend Stücke zur Aufführung. Da ich bisher weder das eine noch das andere kannte, ist es schwer zu sagen, worin der Hauptunterschied zwischen dem Soloalbum und der gemeinsamen Musik liegt, tatsächlich wirkte das Dargebotene eher homogen auf mich. Selbstverständlich erweitert die Einbeziehung weiterer Mitstreiter das Klangspektrum und – nachdem ich „Tacoma“ nun schon mehrfach gehört habe – wird „Perseverantia“ sicher etwas abwechslungsreicher, denn zu Geige, Akkordeon und Elektronik gesellen sich Hackes Gitarre und Schlagzeug. Auch ergänzt er den Sprechgesang seiner Frau um Kehlkopfgesang und andere melodische Lautäußerungen. Insgesamt wirkte das Ganze recht stimmig, auch wenn de Picciottos englisch- und deutschsprachigen Texte manchmal etwas unfreiwillig komisch wirkten. Die meditativen bis psychedelischen Stücke bauten sich langsam auf, manchmal etwas wackelig am Anfang, aber mit zunehmender Dauer immer kraftvoller und eindrücklicher, schlussendlich gar mitreißend. „Perseverantia“ heißt übrigens „Ausdauer, Beharrlichkeit“ und so verwundert es nicht, dass die einzelnen Stücke etwas länger ausfielen, als dies Popsongs gewöhnlich tun.
Die sympathischen Protagonisten, während Danielle de Picciotte eher den unterkühlten Part gibt, verausgabt sich Alexander Hacke ordentlich, boten vor einem durch Videoprojektionen bunt marmorierten Hintergrund eine gute Show, die zu besuchen sich auf jeden Fall gelohnt hat.

Von der Scheune auf der Alaunstraße waren es nur wenige Minute Fußmarsch bis zum Alten Wettbüro auf halber Strecke zwischen Albertplatz und Bahnhof Neustadt. Hier spielten an diesem Abend Hante und Die Perlen.
Die HANTE handelt es sich um das Soloprojekt von Hélène de Thoury, die manchem vielleicht schon von Phosphor oder Minuit Machine bekannt ist. Am einfachsten lässt sich der Sound als Mischung aus Cold Wave und Synthie Pop charakterisieren und so verwundert es nicht, dass Assoziationen an Kirilian Camera geweckt wurden, als die noch nicht auf Euro Disco Pfaden wandelten. Mit „This Fog That Never Ends“ hat Thoury bereits das zweite Hante Album am Start, das man, ebenso wie seinen Vorgänger bei Bandcamp hören und erwerben kann. Live hatte Hante das typische Problem aller Ein-Frau- und Ein-Mann-Projekte – da die meisten Musiker nur eine Stimme und zwei Hände haben, kommt musikalisch das meiste vom „Band“. Allzu tragisch war das aber nicht.

die perlenWährend die Französin Thoury sich eher von ihrer unterkühlten Seite zeigte, punkteten DIE PERLEN aus Nürnberg mit vollem Körpereinsatz. Während Ferdinand Ess mit Elektronik und E-Gitarrerockte, gab Katja Hah die energetische Frontfrau am Mikrofon. Gelegentlich ließ sie aber auch den Herren seinen sprachlichen Beitrag zum simpel gestrickten aber wirkungsvollen Elektro-Punk leisten. Die Perlen versuchten mit viel positive Energie und klaren, wenn auch sperrigen vorgetragenen Statements das etwas tanzfaule Dresdner Publikum aus der Reserve zu locken. Das gelang den beiden auch teilweise, doch so richtig warm wurde man nicht miteinander, vielleicht auch weil die hiesige Dunkelszene nicht wirklich politisch interessiert ist. Und so gab es – wenn mich meine Erinnerung nicht trügt – nur eine minimalelektronisch-rockige Zugabe. Auf Festivals, mit der entsprechenden Resonanz, kann ich mir vorstellen, geht das Duo so richtig ab…

Nach dem Konzert blieb ich noch ein kleines Weilchen zur Party, dann machte ich mich jedoch recht bald auf den Heimweg, noch bevor der Overflow einsetzte…

Rückspiel Doppel…

Am 29. Januar stand erneut ein Doppel-Konzert auf dem Programm; diesmal ging es zuerst ins Industriegelände zu LES TAMBOURS DU BRONX. Die französische Trommeltruppe hatte ich das letzte und einzige Mal vor gut 20 Jahren im damals noch existenten „Panzerhof“ gesehen. Noch heute erinnern sich viele, die damals dort waren, an den legendär-fantastischen Abend. Mich hatten die Tambours regelrecht umgehauen. Warum ich das weitere Schaffen des wilden Männer-Trupps nicht weiter verfolgt habe, ist nur schwer zu sagen. Ein, zweimal ploppte der Name seit dieser meiner Begegnung wieder auf, aber eigentlich hatte ich keine Ahnung, wie die Band aktuell klingt. Mit knapp 30 Euro Eintrittsgeld war das Konzert auch nicht gerade billig, weshalb ich mich erst ganz kurzfristig zur Teilnahme entschied.
Les Tambours Du BronxSchon der Weg zur Lokalität ließ mich Schlimmes ahnen – das Publikum hätte auch ganz gut im Kulturpalast oder an anderen Orten der Hochkultur unterwegs sein können. Da hieß es also, den Szene-Snobismus runterzuschlucken und der Dinge zu harren, die da kommen. Und die kamen, als Les Tambours zu 8 oder zehnt – ich hab‘ die Herren nicht gezählt – auf ihren Eisenfässern zu trommeln begannen. Nach drei Stücken war ich bereits reichlich genervt, denn das Gebotene klang trotz ordentlicher Choreographie eher wie gut Hobbytrommelei. Ganz zu schweigen davon, dass die reine Blechinstrumentierung auch einen ordentlichen Bass vermissen ließ. Zum Glück legten die Tambours dann noch zwei, drei Schippen auf und wurden dank Hardcore-Gesangseinlage und elektronisch-atmosphärischem Backing interessanter. Dazu kam auch noch elektronisch verstärktes, sehr basslastiges Schlagwerk, was den Sound insgesamt wesentlich ausgewogener machte. Am Ende war ich dann wieder einigermaßen versöhnt mit dem Auftritt auch wenn ich die Rhythmen – tragendes Element bei Les Tambours – ziemlich „unterkomplex“ fand. Nun gut, man ist schon ziemlich weit in den Mainstream vorgedrungen, siehe auch eingangs erwähntes Publikum. Da darf man den Konsumenten nicht zu sehr verschrecken. Gut war’s allemal immer noch.

Teil zwei des Konzertabends fand dann in der Undergroundlocation „Escape“ statt, die am äußersten nordwestlichen Rande der Stadt liegt. Von der Reithalle aus, schafften wir es recht schnell per Bus dahin, und wunderlicherweise auch noch rechtzeitig, um QUAL zu sehen.
QualHinter dem schmerzvollen Namen verbirgt sich William Morris, männlicher Part bei Lebanon Hanover. Während dem recht erfolgreichen Minimal Elektro-Duo trotz aller Düsternis Dank des Gesanges von Larissa Iceglass noch eine gewisse Leichtigkeit zu bescheinigen ist, suhlt sich Morris bei QUAL in einer abgrundtiefer Traurigkeit, die selbst Mister Eldritch erblassen lässt. Musikalisch lässt sich Qual zwischen dem Hauptprojekt und dem „Home Of The Hitmen“ / „Floorshow“ -Sound verorten. – eindringliche elektronische Stimmungen mit einer gewissen Zähigkeit – von einem stoischen dahinstolpernden Beat in Bewegung gehalten, Garniert wird das Ganze von Morris‘ manchmal obercooler, manchmal quengeliger Stimme, die an besagten Fürst der Finsternis erinnert. Nicht unbedingt die Musik, die man Selbstmordkandidaten servieren sollte, es sei denn, man will sie in ihrer Entscheidung bestärken. Der reichlich eingesetzte Nebel und die in den Gesangespausen (s. das bei Hante erwähnte Performance-Problem) dargebotenen reichlich manisch-depressiv wirkenden Zuckungen des Musikers sorgten auch beim Zuseher für genügend Qual. Eine Qual, die durch reichliche Alkohol ertränkt werden musste, womit eine Entschuldigung für die spirituose Entgleisung und die langanhaltende After Show-Tanz-Extase gefunden wäre. Der Heimweg gestaltete sich entsprechend anstrengend und als ich es endlich geschafft hatte, war die Qual noch längst nicht zu Ende. Die Rekonvaleszenz dauerte bis in die frühen Nachmittagsstunden…

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