Ein ereignisreicher Berlin Trip…

Erst eine knappe Woche vor dem Termin teilten mir meine debilen Mitstreiter mit, dass Esplendor Geometrico beim CTM Festival in Berlin spielen. Ich hatte zwar im Sozialen Netzwerk mit dem großen F eine Einladung für den Event bekommen, letztendlich aber nicht begriffen, worum es bei dieser Veranstaltung eigentlich ging. Ganz zu schweigen vom vielfältigen kulturellen Rahmenprogramm, das kaum zu überschauen war. Vielleicht hätte ich das Festival einfach im Internet suchen sollen, dann wäre mein Interesse für eine tiefere Beschäftigung sicher geweckt worden, denn dort ist sofort zu lesen: „CTM Festival ist ein Festival für experimentelle und elektronische Musik in Berlin. Es wurde 1999 als Begleitveranstaltung zur transmediale – Festival für Kunst und digitale Kultur – gegründet.“ Nun gut, beim nächsten mal bin ich schlauer, lese das Programm und lasse mich nicht von solchen Formulierungen abschrecken: „CTM 2016 – New Geographies examines today’s rapidly collapsing borders and emerging new topographies. Tensions between globalisation and physically bound cultural identities, online worlds that renege the ties of locality, blurring of traditional notions of gender and ethnicity, …“ Das klingt für mich wie aus dem Katalog der Welterklärer, die zu jedem Thema was zu sagen haben. Aber nun gut, genug geätzt.

Durch diese hohle Gasse…

Station 1 unserer kulturellen Hauptstadtbesichtigung bildete also der Auftritt von Esplendor Geometrico im weltberühmten Technoclub „Berghain“. Die Spanier sollten erst gegen 2 Uhr spielen, doch da wir keine Tickets hatten – die für den Abend gab es wohl auch nicht im Voraus – reihten wir uns kurz vor dem offiziellen Öffnungszeitpunkt in die noch nicht allzu lange Schlange vor dem Club ein. Mit einer geringfügigen Verspätung tat sich die Tür auf und wir durften Zeuge dessen werden, was man als „Tür Politik“ bezeichnet. Wer kennt sie nicht die Scherze der Marke „Du kommst hier nischt rein!“, doch wenn man sowas selbst in Aktion sieht und sich schon leicht unterkühlt fragt, ob der Recke am Einlass dein Gesicht oder das deiner Freunde für dem Flair des Abends nicht zuträglich hält, das ist schon eine recht beschissene Situation. Als jemand, der sich eher dem underground verbunden fühlt, ist dieses Selektions-Rampen-Gehabe eine echte Provokation und ich musste mich sehr zusammenreißen und mir meine Sprüche verkneifen. Zum Glück sah ich wohl nicht allzu angepisst aus, so dass uns Fortuna hold war und wir das Tanzkraftwerk betreten durften.
Den beeindruckenden Raum selbst kannte ich ja schon, schließlich durfte ich hier mein allererstes Lustmord-Konzert erleben. Wir kletterten also die steile Treppe hinauf, wo uns der an die Treppe geklatschte Konzertraum empfing. Persönlich finde ich das ja nicht ganz so glücklich aber vermutlich lässt die Raumsituation keine andere Lösung zu. Egal, dafür ist die Anlage im Berghain der absolute Hit, Fachleute sprechen von einer der besten der Welt. Der recht rohe Betonbau seinerseits ermöglicht es, auch die Bässe ordentlich hochzudrehen, schließlich gibt es wenig, was störend vibrieren kann.

Soweit das Vorspiel. Den musikalischen Teil des Abends eröffnete OPIUM HUM aka Michail Stangl – den meisten wohl bekannt als Organisator des Boiler Room Berlin – mit einem Set elektronischer Musik. Dass sich darin nicht nur die üblichen hippen Arschwackelbeats, sondern auch Klänge von Haus Arafna und Brighter Death Now verwoben, machte mir den Mann sehr sympathisch. Etwas schade war allerdings, dass kein echter „flow“ entstand und es immer wieder länger, eher meditative Passagen gab. Im Berghain wäre ein dauerhaft treibender Beat sicher passender gewesen. Aber wir wissen: „A DJ is not a juke box!“ und das ist auch gut so.

Es folgten T’IEN LAI aus Polen. Das Quartett – für mich die Entdeckung des Abends – kombinierte Live Drumming mit sphärischen bis harschen Elektronics, eine Mischung die an Projekte wie Muslimgauze denken ließ. Die kunstvolle Vermummung der vier Herren trug ebenso wie die Ethnorhythmen dazu bei, dass man sich wie der Zeuge eines fremdartigen Rituals fühlte, in das man mit fortschreitender Dauer mit einbezogen wurde. Gegen Ende des Konzertes tanzte quasi der ganze Saal ausgelassen. Feine Sache!

Nach T’ien Lai hatten ESPLENDOR GEOMETRICO leichtes Spiel, einmal warm getanzt, ließ sich das Publikum nicht bitten und zuckte wild zu den vorwärtstreibenden Rhythmen der Spanier. Der Körpereinsatz von Gründungsmitglied und Shouter Arturo Lanz wurde frenetisch gefeiert auch wenn Esplendor vor allem neue, selbst den Fans (Martyn!) nicht bekannte Stücke spielten. Letztendlich macht das auch überhaupt nichts, bei den Geometrikern weiß man eigentlich, was man bekommt und trotzdem wird ihre Musik nie langweilig. Wer da still stehen bleibt, ist entweder taub oder tot.

Nach dem Grund meines Kommens zog ich mich in den Barbereich zurück und lauschte nur noch von Ferne dem nächsten Act, den ich nicht einmal identifizieren könnte. Weder gab es irgendwo eine Running Order oder eine Ansage, noch motivierte mich der Trance Techno, mich kundig zu machen. Zu sehen war von der Bühne bei all dem Nebel sowieso nichts, also beließ ich es bei der Unwissenheit. Wenn die Ankündigung im Netz stimmt, sollte es sich um KASSEM MOSSE gehandelt haben. Aus meiner Sicht aber völlig irrelevant.

Nach diesem Gig standen die Zeiger der Uhr bereits auf 4 und so entschlossen wir uns zum Rückzug. Vielleicht hätten wir uns ja noch Gesloten Cirkel anhören sollen, klingt nicht so verkehrt, aber an dem Abend war die Luft raus.

Over time – Over and out

Am Tag zwei stand der Besuch im Overtime an, einem mir bis dato unbekannten Club auf der Thulestraße auf dem Plan. Das Overtime befindet (falsche Zeitform eigentlich) in einer Art Büro- bzw. Zweckgebäude aus den 1960ern oder 1970ern (vielleicht auch älter), atmosphärisch eigentlich eine Katastrophe. Die Veranstalter hatten sich aber alle Mühe gegeben und mit viel Einbauten eine akzeptabel Lokalität draus gemacht, deren Konzertraum ein wenig an das verflossene NK erinnerte.

inc xc mgptr, jegorLaut F-Netzwerk sollte der als NEOLITHIC  ELECTRONICS bezeichnete Abend mit nicht weniger als neun angekündigten Projekten pünktlich um 21 Uhr beginnen, eine Stunde später war es dann soweit. Als erstes traten INC XC MGPTR und JEGOR auf, eine Art Noise mit Live-Anteilen. Nicht wirklich spannend. Dabei war das Geklopfe mit einem Morgenstern im Metalltopf ebenso wie die Flexerei optisch zwar nett anzuschauen, den Sound wertete es nicht unbedingt auf, fehlten doch Brachialgewalt und Virtuosität gleichermaßen.

abhoraxiomZu ABHORAXIOM fällt mir ehrlich gesagt nichts: Der recht ereignislose noisige Ambient oder ambiente Noise – je nach Sichtweise – langweilte mich recht schnell.

anemone tubeDen Auftritt des Abend legten ANEMONE TUBE hin. Wenn ich mich nicht ganz täusche, präsentierte das Berliner Ein-Mann-Projekt seine aktuelle Scheibe „Golden Temple“ – wie gehabt, eine abwechslungsreiche Mischung aus Ambient, Industrial und Power Electroics mit einer großen Portion an atmosphärischen Fieldrecordings. Der Sound war diesmal auch richtig gut, leider klingt Anemone Tube live oftmals ein wenig dünn. Diesmal kam der Auftritt aber sehr druckvoll rüber.

femeheimEs folgte das Power Electronics Projekt FEMEHEIM mit einem nicht ganz unbekannten Herrn, dessen Name mir leider entfallen ist und der auch von Discogs nicht verraten wird. Leider endete der Auftritt schon nach wenigen Minuten. Der Ton ging aus, das Licht an und ein paar Herren erklärten die Veranstaltung für beendet. Sei seien die Besitzer der Lokalität und die Veranstaltung wäre nicht genehmigt.

Wir diskutierten lange hin und her, die Besitzercrew ließ sich nicht erweichen. Nach ihrer Aussage sei das Overtime als Gewerberaum vermietet, das Durchführen von Partys hätte schon in der Vergangenheit zu Problemen  geführt und die Polizei auf den Plan gerufen und da das Objekt ihre Lebensgrundlage sei, müsse man das jetzt beenden. Die Veranstalter des Festivals stellten das Ganze als eine Art Erpressung dar.

Während sich viele Besucher noch in den Räumlichkeiten des Overtime aufhielten, ging ich, nachdem ich lauthals über Berlin geflucht hatte, vor die Tür. Mir war recht schnell klar, dass hier keine gütliche Einigung in Sicht ist. Im Eingangsbereich standen vier oder fünf stämmige Herren arabischer Herkunft, die ich als Mitstreiter des Besitzers identifizieren könnte. Plötzlich gab es Unruhe und drei oder vier der Kollegen rannten sehr schnell die Treppe hoch, ich hinterher, in der Hoffnung vielleicht mäßigend einzuschreiten. Die Herren zerrten dann einen der Ihren aus den Räumlichkeiten; der Mann war offensichtlich auf 180. Mit einiger Mühe stellten sie ihn ruhig. Es kam zu weiteren Diskussionen, die allerdings wie erwartet zu keinem anderen Ergebnissen führten.
Im Nachhinein hörte ich davon, dass eine Frau geschlagen worden sei und dass die Besitzer Gang Besuchern, die gefilmt hatten, die Handys abgenommen hätten aber da ich das nicht selbst gesehen oder erlebt habe, enthalte ich mich dazu jedes Kommentars. Als Fazit bleibt mir nur zu sagen:  Dumm gelaufen. Für die Bands, die an dem Abend nicht spielen konnten, für die Gäste, die nicht mal ganz die Hälfte des Angekündigten zu sehen bekamen, für die Veranstalter, dass sie wohl ihre Location verloren haben und nicht zuletzt für die ganze Berliner Szene, die sich immer stärker dem Problem gegenüber sieht, bespiel- und bezahlbarer Veranstaltungsorte zu finden. Ein großer, stinkender Haufen Scheiße…

Kleiner Scherz am Rande: Schaut Euch mal den Ort (Thulestraße 52 / 54) in Google Maps im Street View an. Da steht ’ne Wanne vorm Eingang 🙂

Der Rest des Abends ist schnell erzählt: Überfallkommando auf Paule Panke – Danke an den netten Wirt, der nach leichter Frostphase zunehmend auftaute – mit einem eher beschaulichen aber sehr angenehmen Abend im Freundeskreis, bei mir später noch Grufti Disko im Chesters und dann „Bette“. Am nächsten Tag schauten wir noch im Duncker zum Dark Market vorbei, vor allem um eine paar Freunde zu sehen und so kurz vor 16 Uhr ging es dann heimwärts. Über einen Mangel an Erlebnissen musste ich mich also nicht beklagen…

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