Beim Einkaufen im verzauberten Supermarkt

oder Wie schreibe ich eine Geschichte von Freundschaft und dem anderen Gedöns, das die Welt nicht braucht.

Liebe Melanie und Freunde des schlechten Geschmacks, ich habe mal eine Geschichte über uns und unsere Freundschaft und unsere Freunde geschrieben. Liebe Melanie, ich wünsche nochmal alles Gute zum Geburtstag, keine Ahnung der wievielte das war. Ist auch völlig egal. Du wirst ja schon wissen, wie alt du geworden bist. Jedenfalls sagt das Alter ja immer etwas über den körperlichen Verfall aus.

November 2015

 


Kapitel I: Der Anfang mit glücklichem Ende

Heute kam mir das Bedürfnis, shoppen zu gehen, da noch zwei Zentimeter Platz im Kühlschrank waren. Die Bedarfsermittlung ist schnell abgeschlossen und ich schiebe alle Bedenken weg, so was wie „braucht man das“ oder halt doch nicht? Darum geht es nicht. Es ist immer so beim Shoppen, man braucht die Sachen zu 99,99 % nicht…

Doch das Gehirn sagt: Mädel zieh dir deine unbequemen Schuhe an, quetsche dich in die goldene 38er Kittelschürze und zeige dein Arschgeweih mit dämlichen Kindernamen, und ab geht es in den „KIK Great Market“. Der Ort, an dem jede deprimierte Seele eine Stimme findet, ein Gefühl vermittelt bekommt: „Hier bist du auch nach dem Marktwertverlust noch immer die Nr. 1, als Frau, am Sternenhimmel.“

Nur ein wenig Geld musst du haben, das Dispo so prall wie die Eier eines Pornodarstellers und eine gesunde Portion Selbstvertrauen selbst bei ungünstigem Verhältnis von Stoffmenge zu Wassereinlagerung und Fett im Körper.

Nach gefühlten fünf Tassen Cappuccino mit Palmenfett light bestreite ich mit meiner besten Shoppingfreundin Mel ihre täglichen zwei Stunden Ausgang. Wir wissen nicht, was wir wollen und schaffen uns erst einmal Platz in der riesigen Menge von Friedhofsanwärtern.

The Crazy World Of Mädchen June

Eine nette Dame um die zwanzig im adipösen Endstadium, welches sie zweifelhaft gekonnt in einem pinkfarbenen Freizeitanzug kaschiert, stößt mich beiseite. Ich falle zu Boden und kann noch den Duft von billigen Zigaretten, Weichspüler und frisch gefickter Möse wahrnehmen, da steigt auch noch ihr Lenon Cox „Fuck“ Jenny über mich. Was natürlich ihr Kind ist, ein Kind von fünf Vätern.

Mel, die sich gerade die zweihundertste Uhr am Arm umbindenden will, bemerkt diese Hausfrauen-Attacke, holt ihre Panzerfaust heraus und befördert die pinke Nette mit einem gekonnten Schuss an die Wand zwischen Hähnchenmann und Herrentoiletten. Ich bin ihr wie immer dankbar und froh, sie dabei zu haben, und gehe weiter. Meine Freundin fragt mich, was denn heute das Ziel sei.

Ich sage, eigentlich können wir mal ins Kaufland, da soll es ja sehr spannend sein. Aber was soll es denn im Kaufland geben? Ich überlege. Da soll es die traurige Hexe mit ihrer lustigen Schwester geben, welche seit hunderten von Jahren umherirren und nicht mehr zum Ausgang finden. Sie sitzt jetzt an der Kasse. Wir könnten sie befreien und bekommen dann Treuepunkte. „Lohnt sich denn der Aufwand?“, fragte meine Freundin. “Na klar, warum nicht? Schließlich sind wir doch Freunde der traurigen Hexe.“ Nun gut, meint Mel und stellt ihre Uhren am Arm, zeigt mir fünf Minuten später alle Zeitmesser noch einmal und wir holen uns endlich einen Wagen.

Wir passieren die Schranke, welche uns „Willkommen“ heißt, uns aber nicht mehr rauslassen wird, bevor wir nicht etwas gekauft haben.

 

Kapitel II: Männer und Gemüse

Wir passieren die Obst- und Gemüseabteilung, sie ist übersichtlich doch es ist schwierig, an die Ware heranzukommen. Eine Schlacht tobt um Bananen, Ego und Raumgewinn. Männer stehen verzweifelt herum und schauen ihre Frauen mit flehenden Blick an. Sie wollen entlassen werden, entlassen in die weitere Bedeutungslosigkeit, hinein in die Computerfachabteilung. Der letzte Ort, an dem der Mann noch das Wenige an Männlichkeit bewahren kann, denn er weiß, seine Frau findet einen Computer zu kompliziert. Alles, was mehr als einen Knopf hat, also die Dildo-Variante, ist zu kompliziert. Doch nein; sie müssen ausharren zwischen Sellerie, eingekeilt zwischen Wagen gefüllt mit Bergen von Lebensmitteln und nervlich kollabierenden Müttern und deren drogensüchtigen Kindern, denen ihre Smartphones – heute hat man zwei – auf die Augen geklebt wurden. Ich sage zu meiner Freundin: „Wir müssen die Männer befreien und den Kindern ihr Augenlicht zurückgeben!“

Mel dreht an ihrer 103. Uhr und eine kleine Feder gleitet herab durch die Luft. Sie springt in die Luft, schnappt sich beherzt die Feder, schwebt über Bananen, weicht den anfliegenden Kokosnüssen und den Salven von Cayennepfeffer aus, passiert einen Turm aus Orangen. Sie erblickt eine Brünette, Mitte zwanzig, schaut auf deren Titten und verliert dabei fast die Kontrolle; rappelt sich wieder auf. An der Sauregurkentonne steigt sie mit großen Schwung an die Decke und bewegt dabei die Feder. Ein hellblaues Licht durchströmt die Abteilung, Silberregen fällt auf die Männer und ihre doofen Kinder. Die Smartphones fallen zu Boden und die Kinder erschrecken kurz, als sie die wahre Welt sehen. Die Männer mit ihren Gelenktaschen versuchen in Deckung zu gehen, sie halten sich die Taschen über den Kopf, doch der Regen der Befreiung prasselt auf sie nieder; sie stoßen die Wagen beiseite, nehmen ihre Frauen auf die Schultern, treten gegen die Gemüseregale und laufen in Richtung Fleischabteilung.

So, das wäre geschafft! Die Fleischabteilung meide ich, da Mel aus unerklärlichen Gründen den Fleischkonsum ablehnt und außerdem drängen sich dort jetzt zahllose Männer. Wir passieren den Wald der Kühltruhen.

 

Kapitel III: Die Alte mit der Pizza

Uns hüllt ein Gewand aus Musik ein. Nein nicht die Musik, wie wir sie kennen; defekte, klingelnde, wackelnde, rostige, singende Kühltruhen. Man sagt sich: Sie können die Lebensmittel kühlen und sie hüten das Geheimnis der einzigen Tiefkühlpizza, die schmecken soll wie „Gruppensex unter dem Einfluss des besten Whiskys in einer Holzhütte in dunklen Wäldern“. Viele Menschen haben schon ihren Verstand verloren auf der Suche nach dieser Pizza, denn sie alle scheiterten daran und müssen nun Zeit ihres Lebens die billigen Tintenfischringe kaufen.

Die Nippel meiner Freundin sind steif – ein Zeichen, wie nahe die Kühltruhen sind. Wir überlegen, ob wir die Pizza suchen sollen, um diese dann an die Feministengruppe „Dry Pussy-Muschi“ zu spenden. Die wären ja die einzigen, denen man noch etwas geben könnte. Denn heute geht es doch eh nur um Saufen und Sex und natürlich ein bisschen darum, über Nazis besorgt sein. Meine Freundin dreht an ihrer 56. Uhr, geht zu einer alten Dame, welche an der Kühltruhe steht und beobachtet, wie der das Gebiss in die Tiefkühlbohnen fällt.

Mel fasst der alten Dame von hinten an die Brüste, schlägt ihr mit der Stirn auf den Hinterkopf. Aus dem Mund der alten Dame fällt eine Schachtel heraus.
Ich gehe zu Mel, bisher hatte ich Abstand gehalten, und frage sie verwundert, woher sie von der Schachtel wusste. Meine Freundin sagt, sie habe nichts gewusst, doch sie war sich sicher. Was soll die Alte mit hartem Gemüse, das wirkt doch nicht echt? Dazu noch das herausfallende Gebiss als Indiz…

Außerdem kennt sie die Alte. Die hat immer am Freitag ihren Auftritt im Stripclub der Volkssolidarität, und jeder weiß, sie ist ist ein Mysterium, eine Bewahrerin von Geheimnissen. Nur nimmt das hier keiner wahr, weil die Alten einfach nicht beachtet werden. Daher ist es für sie einfacher, ihre Geheimnisse zu bewahren und ihre Neigungen auszuleben. Krass, denke ich mir, meine Freundin überrascht mich immer wieder aus Neue.

 

Kapitel IV: Wein und Verderben mit Vixe

„Wo gehen wir jetzt hin?“, frage ich. Wir haben noch zwei Abteilungen bis zur traurigen Hexe und ihrer lustigen Schwester. „Naja wir müssten jetzt zu Wein und Verderben“, antwortet Mel. Oje, dass wird heftig! „Hast du noch die Zauberflyer von der Suchtberatung?“, will ich wissen. „Ja“, sagt meine Freundin, „Zur Not müssen wir die Dinger einsetzen“. Sie schaut mich keck an, so, als wollte sie mir etwas Persönliches sagen; so etwas wie: ich liebe dich oder ich will dich. Ich schaue verlegen auf den Boden, sie zupft an meinen Arm wie ein kleines Mädchen und sagt: „Du hast was Grünes am Zahn.“

Verdammt diese Frau ist einfach der Hammer, sie sieht alles. Nun gut, wir schreiten durch die Mengen von Parasitenträgern und besorgten Bürgern und müssen wie immer im Vorbeigehen ein paar Exorzismen in der Backabteilung ausführen. Dann kommen wir am „Wein und Verderben“ an, hinter uns der Mob mit Deutschlandfahnen und Mistgabeln. Meine Freundin dreht an Uhr 133 und eine riesige Verneblung der Gehirne tritt bei unseren Verfolgern in Kraft. Ok, das schafft uns etwas Zeit, bevor die merken, dass sie nicht bei Jauch und Familientausch sind.

„Wein und Verderben“, dieses Ort ist so legendär wie der Schlüpferwitz im Vatikan. Ein Ort der Trostlosigkeit und schönen Etiketten. In den Regalen stapeln sich Flaschen und die Urnen der ehemaligen Liebhaber des Weines. Einige Urnen liegen zerschlagen auf dem Boden. Die Asche vermische sich mit dem auslaufenden Wein aus den Regalen. Es ist ein wüster Ort, es ist ein stiller Ort, der Raum durchzogen von einem Duft nach Erbrochenem und Fäkalien. Es gibt ja Leute die meinen, Wein sei kostbar und edel. Es soll auch Leute geben, welche aus dem Geschmack eines Weines lesen können, welcher Bauerntölpel an welchem Tag an die Rebe gepisst hat. Ich sage zu Mel: „Wir müssen etwas tun! Es kann nicht so weiter gehen, die Menschen gehen alle vor die Hunde und die böse Traubenfee Vinolaberrababer erpresst diese Menschen. Wenn es wie bisher weitergeht, liegen mehr Urnen auf dem Boden und wir sind am Ende.“
Wir kommen nicht mehr zur traurigen Hexe mit ihrer lustigen Schwester. Was können wir tun. Meine Freundin erinnert sich an die Zeiten, als sie noch bei Diner Dash arbeitete. Sie sagt: „Mit der richtigen Kombination aus Urnen und Weinflaschen könnte ich den Zauber brechen, ich müsste sie nur zurechtschieben und noch ein paar versteckte Gegenstände finden.“

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Dabei könnten ihre beiden Katzen helfen, die Schwanzlose und die andere. „Mann, diese Frau die hat es drauf“, sage ich mir wieder. Mel macht einen Handgriff und drehte an ihrer 77. Uhr, zwei Katzen kommen zum Vorschein und auch die Hexe des guten Taschengeschmacks.

Also sagt meine Freundin zur Hexe des guten Taschengeschmacks, kurz Taschenhexe: „Ich muss jetzt die Urnen und die Weinflaschen rücken und dafür bedarf es Hilfe, Zuwendung und des ganzen Gedöns‘. Außerdem müssen wir uns von der Vinolaberrababer Hexe in Acht nehmen, denn die wird uns mit ihrem Laberrhabarber fertig machen wollen.“ „Macht nichts“, sagt die Taschenhexe, „Ich habe noch den Schlafzauber. Die wird einpennen, bevor sie was sagen kann. Ich überdosiere allerdings manchmal, jedenfalls aus Versehen.“ „Na toll,“ sagt Mel. Ich stehe wieder mal völlig desorientiert da und hoffe, die Vinolaberrababer Hexe, kurz Vixe, wäre es auch.

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Wir schreiten zu fünft voran, Mel, ich, die Taschenhexe und die Katzen, und biegen ab zu den bulgarischen Weinen. Ich bin etwas verkrampft, meine Freundin klammert sich an die Taschenhexe und die Katzen, naja die eine springt zwischen meinen Beine umher, die andere läuft zurück und hält die besorgten Bewohner auf, die uns aus unerklärlichen Gründen verfolgen, seit wir in der Backabteilung waren.

Ich schaue zu den Weinflaschen und trete dabei auf eine Keramikscherbe. Die Scherbe knirscht unter meinen Schuhen und es macht plötzlich „knall, peng, puff“. Da steht sie, die Vixe, leider bestens orientiert und gut ausgeschlafen. Also wird es zum Duell kommen, und die Vixe ist dafür bekannt, dass sie mit harten Bandagen kämpft. Alles muss bis zum letzten Rest Verstand ausdiskutiert werden. Ich halte mich am Arm meiner Freundin mit den 200 Uhren fest; es ist still, ich höre die Uhren ticken. „Mann, ist das ein Gerät, die VIXE!“, denke ich. Ich bekomme es mit der Angst zu tun. Wenn die jetzt anfängt zu labern, dann sind wir Rhabarber. Doch ich lasse mich nicht ängstigen! Soll sie doch die klugen alten Alkoholiker um die Finger wickeln: Ich bin kein Alkoholiker und das andere auch nicht, na gut ich gehe auf die vierzig zu.

Doch bevor die Vixe etwas sagen kann, springt die Taschenhexe nach vorn. Sie hat mit ein Paar von ihren Schuhen in der Hand. Die Vixe steht nur da und meint, sie bräuchte mal wieder neue Schuhe. Sie habe zu wenig, nur ein paar Millionen in ihrem Schloss mit den Fledermäusen. Während die Taschenhexe die Vixe beschäftigt, schiebt Mel die Flaschen und Urnen in die richtige Position und die nette Katze hilft ihr an den hoch gelegenen Stellen.

Ich beobachtet und halte Ausschau nach dem schwanzlosen Kater mit dem netten Namen. Der schlägt sich tapfer, ich eile zu ihm und helfe bei der Abwehr der besorgten Bürger. Wir werden aufgeschreckt durch einen großen Knall: Meine Freundin hat es geschafft, die Vixe ist besiegt! Mel und die Taschenhexe beschließen nach dem Laberrhabarber-Studium gemeinsam einen Taschen-Schuhe-Laden zu eröffnen. Wir verabschieden uns und wieder bin ich von meiner Freundin begeistert.

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Nur noch wenige Schritte bis zum Ausgang. Die Katzen voran, ich eine Flasche Wein und das Gebiss der Alten in der Hand, passieren wir die Kasse. Da ist sie: die traurige Hexe mit ihrer lustigen Schwester oder kurz „die Lustige“.

 

Kapitel V: Die Traurige Hexe

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Da sitzt sie also! Ich halte Mel am Arm und sagt: „Schau, sie ist traurig und wir haben nichts, was wir tun können.“ Viele Menschen gehen an ihr vorbei, sie sprechen mit ihr, sie spricht mit ihnen und lacht dabei, scheinbar fröhlich. Ihre Schwester sitzt auf einem der Förderbänder und hat Spaß daran, auf und ab zu fahren. Die Menschen in der Schlange bewundern und beneiden sie. Sie bemerken nicht, dass die Hexe in Wirklichkeit traurig ist, weil sie weiß, dass das Band ein Ende hat, und es mit dem Alter schwerer wird, aufs Band zu kommen. „Mel“, sage ich, wir müssen was tun.“ Meine Freundin darauf: „Was sollen wir tun? Es steht nicht in deiner Macht und du kannst ihr so viele Trolle bringen, wie Du willst. Sie sind einfach nicht groß genug. Der eine Prinz war zu viel; er hat ihr das Herz gebrochen und er tut es immer wieder. So ein Schuft dieser Prinz. Man müsste ihm in die Eier schießen!“
Ich antwort: „Vielleicht ist die Hexe aber auch gar nicht traurig? Vielleicht siehst nur du es so? Ein Zauber ist hier nicht hilfreich, denke ich. Wir können nur eins sein, ihre Freunde.“
„Aber was ist mit der lustigen Schwester?“, will Mel wissen. „Denkst du, sie tut ihr gut, wie sie da lacht und sich auf dem Band freut?“ „Naja, die Hexe kann ja aufstehen und das Band abschalten oder sie könnte aufstehen und sich auf das gegenüberliegende Band setzen“, gebe ich zu bedenken. „Alles was wir sind, hat seinen Grund. Die einen sind traurig und alleine, die anderen brauchen die Aufmerksamkeit. Frage dich doch eher, warum man auf einem Band sitzen muss! Die Lustige könnte in der Backabteilung sitzen. Bei der Haferfee. Ich denke wir sollten mal zu hier hingehen.“
„Hör zu,“ spricht Mel, „du kannst dir die Welt nicht zurechtbiegen, nach deinen Vorstellungen und Werten.“ Doch ich gehe zur Hexe, begrüße sie und schenke ihr den Wein. Ich sage ihr, sie solle ihn sich aufheben und zu einem besonderen Anlass öffnen. Sie schaut mich verdutzt an. Sie ist sprachlos.

 

Kapitel VI: Igittnis und seine Besorgten Freunde

Der schwanzlose Kater kommt angerannt, das ist kein gutes Zeichen! Der Nebelzauber hat sich gelegt, der Mob kommt wütend auf uns zu. Die traurige Hexe steigt auf das Band zu ihrer lustigen Schwester und lässt den Mob kommen. Die Meute schreit: „Wir sind besorgt, wir sind besorgt. Wer macht sich Sorgen um uns? Wer zeigt uns die Richtung, wer flüstert uns in unser Ohr. Wem geben wir die Schuld“?
Die Meute wirkte zugleich bedrohlich und kindlich. Die Hexe ruft ihr zu: „Meine lieben Kunden, ihr seid verblendet, voller Hass! Warum könnt ihr nicht lieben, so wie ihr geliebt werden wollt? Ich habe die Schnauze voll von so viel Boshaftigkeit! Ich kann nicht mehr zusehen, wie euer Hass unsere schöne Welt kaputt macht! Alle Guten verlassen das Land, ich möchte hier leben und frei atmen. Ich möchte lesen was ich will, ich möchte hören was ich will. Ich will einfach glücklich sein. Ich möchte eine Frau sein und als erstes ein freier Mensch.“

Einer aus der Menge, ein bärenartiger Typ, stellt sich mit verschrenkten Armen vor das Band. Er ruft der Hexe zu: „Was willst du? Du bist gegen uns, weil wir besorgt sind! Du ziehst die Schwarzen vor, uns lässt du alleine mit all unseren Sorgen!“ Die Hexe erwidert: „Du machst dir keine Sorgen, du bist ein Teil der Sorge; die Menschen hier sind dir egal. Du bist wie ein Puck, einer der sich erfreut an Hass und Leid. Einer der gern eine Träne vergießt und bereit ist, Blut zu opfern, wenn es nicht das eigene ist. Ich weiß, wer du bist! Du bist der Hexer von Igittnis! Halte deinen Atem zurück, denn du kannst den Hass, der sich gegen alle richten wird, nicht aufhalten. Du wirst irgendwann, wenn alles in Trümmern liegt, sagen, du hättest es nicht gewusst.“

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Der Hexer holt eine kleine Fahne heraus und versucht, den Zauber des Aufstachelns zu verbreiten. Die Hexe öffnet die Flasche Wein, eine goldener Strahl schießt daraus empor und die Menschen setzen sich auf den Boden; sie weinen, weinen vor Scham und vor Glück, fassen sich an die Hände und umarmen sich. Hexe Vixe und die Taschenhexe kommen angeflogen und klammern sich an die traurige Hexe. Sie vereinen ihre Kraft und ein rosafarbener warmer Regen ergießt sich auf den Mob. Die Vixe schaut mich dabei an und zwinkert mir zu. Die traurige Hexe, die Vixe und die Taschenhexe gehen in die Menge und zerfallen zu rotem Staub. Der Staub der Liebe, der Zuneigung und der Freude. Die Lustige nimmt den Staub und baut sich den größten Joint, den die Welt nicht gesehen hat, raucht ihn glücklich und malt ein Bild.

 

Kapitel VII: Alles wird ein wenig besser

Ich denke, was ist denn das für ein Scheiß? „Mel, was ist nur passiert, das war doch echt eine schmalzige Nummer, oder?“ Meine Freundin schaut mich an, nimmt mir das Gebiss aus meiner Hand und gibt es ihrer Katze, welche beim Sortieren hilft. Die Katze schiebt sich das Gebiss in den Mund und fängt an zu sprechen: „Hör zu, wenn du an das Gute glaubst, dann wird es auch so; es ist nur die Frage, ob du dich öffnest. Die Welt wird nicht besser aber definitiv war sie nie schlechter. Alles ist wieder am Platz, die Hexen haben nur ihre Funktionen erfüllt. Sie waren Mittler unser Eigenarten und haben uns die Unendlichkeit der Liebe bewiesen. Du kannst nicht behaupten, dass es nicht mit dir gemacht hätte.“

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Ich antworte etwas gekränkt: „Ja, schon. Die Vixe hat mir immer mal zugezwinkert. Ich glaube, wir müssen mal schauen, wo die wohnt. Und an meine Freundin gewandt: „Aber Mel, die Katze mit Gebiss, das ist doch voll eine krasse Nummer! Eine Katze kann doch nicht sprechen…“ Mel erwidert: „Warum sollte sie es nicht, die Vixe hat dich doch auch angeschaut und dir zugezwinkert und du bist ja auch kein Mitglied der Hexen, oder?“
„Nö, aber ich habe etwas, was keiner von euch hat: einen Großen in der Hose“, trumpfe ich auf. „Oh Gott, ja ist gut“, erwidert meine Freundin, „Du kapierst es nicht! Du bist und bleibst ein träumender Proll.“ „Jepp“, erwidere ich und nicht unglücklich gebe ich noch zum Besten: “Was meinst du, ob die Vixe mit mir ausgehen würde?“ „Klar, auch ohne den Hinweis auf deinen Schwanz.“ „Ach so, ich dachte, ihr Frauen mögt so was?“ „Ja, vielleicht die nette Dicke von vorhin, aber nicht Frauen mit Gefühlen.“

Ich werde nachdenklich: “Weißt du Mel, ich habe verstanden, was hier abging. Es hat was gemacht mit mir. Ich meine nicht das Übliche, wie beim Onanieren und Erdnüsse essen. Nein, ich habe heute gesehen, dass es sich lohnt, für etwas zu kämpfen und wie toll es ist, sich auf seine Freunde verlassen zu können. Die Welt ist doch nicht so Scheiße.“

Der Kater mit dem netten Namen läuft an mir vorbei und bemerkt lakonisch: „Ich habe auf deine Pornos gepinkelt.“ Ich sehe den Kater an und erwidere: „Dafür habe ich noch meinen in der Hose und Du nicht.“ Der Kater lächelt mich an und meinte: „Tja, mag sein. Doch ich werde wenigstens gestreichelt.“

 

Kapitel VIII:  Die Lustige und das Glücklich sein

Aus den Lautsprechern ertönt plötzlich ein Song von Barbara Streisand, den ich nicht kenne. Wörtlich kann ich ihn nicht zitieren, doch es geht inhaltlich in folgende Richtung:

Die lustige Schwester der traurigen Hexe ist eine Nette aber sie ist noch jung und sie weiß noch zu wenig vom Leben. Die Liebe zu ihrer Schwester kann sie nicht wirklich erwidern, denn mit der Liebe ist das so ein Kreuz. Die lustige Schwester wohnt in einem Bild voller Traurigkeit, umrahmt mit einer schönen Welt. Dieses Bild ist dunkel aber sie weiß von der schönen Welt und ist daher ein lustiger Mensch. Mit ihrer Schwester verbindet sie ein rotes Band der schwesterlichen Zuneigung, das von ihr bewahrt wird.

„Was hat die Streisand nur damit zu tun?“, frage ich mich. Die lustige Schwester kommt auf mich zu und steckt mir einen Bogen Papier zu. Ich schaue sie an und denke: Lustig sieht sie ja nicht wirklich aus, bei ihrem Namen könnte sie öfter lächeln…

Nachdem ich noch eine Weile vor mich hin sinniert habe, sage ich zu meiner Freundin: „Mel wir müssen los, dein Ausgang ist vorbei.“ Sie antwortet: „Ach lass, ich habe mich selbst entlassen, ich mache länger als sonst. Ich habe heute gesehen, die Welt ist verrückt. Warum soll ich da nur zwei Stunden rausgehen dürfen?“ Die Katzen kommen zu uns zurück: Die nette Katze spuckt das Gebiss aus und der Schwanzlose legt sich in den Einkaufswagen.

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Wir gehen zum Auto und schauen zurück zum Markt. Wir steigen in den Wagen und fahren dem Sonnenuntergang entgegen. Auf der Hutablage stehen drei kleine Puppen, die aussehen wie die Hexen und das lustige Mädchen. Ich blicke zurück und kann noch die Alte von der Kühltruhe sehen, wie sie auf dem Parkplatz einen Strip hinlegt für den Typen, der die Einkaufswagen zusammenstellt. Ich kurbelte das Fenster herunter, doch Mel fängt sofort an zu schimpfen, da es ihr wieder einmal zu sehr zieht. Ich schaute auf das Blatt Papier, das mit die lustige Schwester gegeben hat. Es ist eine Zeichnung.

Auf dem Bild ist eine Familie zu sehen, die an einem Tisch sitzt und alle freuen sich über das Zusammensein. Es ist ein schönes Bild, ich habe so etwas lange nicht mehr gesehen: eine Familie, gemeinsam glücklich, entspannt. Keine Angst vor dem nicht-geliebt-werden, keine politischen Diskussionen, nur einfach Frieden und Entspannung.

Mädchen June
November 2015

Ende

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