Hiebe statt Liebe – Interview mit einer Domina

(Das Interview wurde aus der alten Version der Seite wiederbelebt, das Thema ist ja immer frisch 🙂 )

„Ruf mich an“ plärrt es aus dem Fernseher und der devote Sklave wiederholt noch einmal die 0190-Nummer. Wer abends ein wenig länger vor der Glotze sitzt, kennt diese Art von Sexwerbung. Die wenigstens hatten dagegen selbst das Vergnügen (?), den Dienst einer Domina in Anspruch zu nehmen. Schließlich können selbst manche, die das nötige Kleingeld haben, sich nicht dazu überwinden, ihre Lüste devotional zu befriedigen, hängt doch der Ruch des „Perversen“ über Sado-Masochistischen Sexualpraktiken. Wie viel größer muss die Hemmschwelle für jemanden sein, der sein Geld auf diese Weise verdient? Was ist das für ein Mensch? debil sprach mit Sylvia (Name geändert), einer jungen Frau aus Dresden, die weder in Bezug auf ihre körperlich Erscheinung oder Kleidung dem gängigen Klischee einer Domina entspricht. Anfang zwanzig, eher klein und drahtig, mit einer Vielzahl an Tattoos und Piercings geschmückt, würde man sie eher auf einem Hardcore-Konzert vermuten, als im S/M-Studio. Über ihre Zeit als Domina spricht sie heute mit einem gewissen Abstand …

Domina 1

? Du hast als Domina gearbeitet. Was war da konkret Deine Aufgabe?

! Ich habe Bondage, Peitschen und Blut gemacht.

 

? Was muss man sich unter „Blut“ vorstellen?

! Alles, wo Blut fließt: Nähen, Schneiden, Brennen, Nageln, Nadeln …

 

? Wie bist Du dazu gekommen? Hast Du vorher schon einmal so etwas getan?

! S/M war schon seit einiger Zeit mein Thema, also ich habe gemerkt, dass mir das zusagt. Ich habe mich dann immer mehr damit beschäftigt, die Klassiker de Sade und Sacher-Masoch gelesen, aber auch aktuelle Sachen. Ich kann da vor allem die Zeitschrift „Schlagzeilen“ empfehlen. So bin ich langsam in diese Szene „hineingeraten“, was letztendlich auch dazu geführt hat, dass ich bereits in Dresden, sozusagen in Teilzeit, in einem Studio arbeitete. Hier ist aber alles eher soft, von daher kamen mir die Jobs eher wie ein Spiel vor. Ich wollte das dann richtig machen und habe eine Anzeige im Internet aufgegeben. Daraufhin erhielt ich vierhundert Angebote und ich suchte mir eins raus. Dann bin ich erstmal zwei Wochen auf Probe dahin gefahren und nachdem ich gesehen hatte, dass das Studio meinen Vorstellungen entspricht und ich mit den Leuten klar komme, bin ich dann richtig rüber.

 

? Warum hast Du als Domina gearbeitet?

! An erster Stelle stand das Geld. Wenn Du an einem Tag 1.000 Mark verdienen kannst, dann motiviert Dich das schon ungeheuer. Ein weiterer Beweggrund war, dass ich etwas lernen wollte. Jetzt kann ich von mir behaupten, dass ich es drauf habe, professionell.

 

? Was hat Dich besonders gereizt am Domina-Sein?

! Wie gesagt, das Geld spielt eine entscheidende Rolle. Aber auch, sich schick anzuziehen. Das Macht-Ding kommt erst mit der Zeit. Es ist schon ein sehr seltsames Gefühl, seine Macht zu spüren. Stell Dir vor, Du treibst jemanden zwei Nadeln durch die Brustwarzen, an die Du eine Kette mit einem Zwei-Kilo-Gewicht hängst. Dann gibst Du ihm das Gewicht in die Hand und sagst: „Lass es fallen“. Und er tut es …

 

? Hast Du eine Rolle gespielt? Wie ist das, wenn Du als Sylvia von der Straße kommst, durch die Tür trittst und dann jemand völlig anderes bist?

! Sicher spielt man eine Rolle. Die „Verwandlung“ geschieht in der Zeit, in der man sich schminkt. Diese Vorbereitung ist wichtig. War mal kein Gast im Studio, waren alle ganz normal, was aber nicht immer so ist. Die Rolle, die man spielt, färbt auch auf das Alltagsleben ab, zum Beispiel auf den Umgangston: „Hol mir mal …“ und „Mach mal …“ – halt die Art, wie man mit Menschen umgeht. Manche kommen gar nicht wieder von diesem Macht-Film runter.

Domina 2

 

? Hast Du Gefühle, z.B. Aggressionen in diese Rolle gelegt?

! Ganz sicher. Wenn dir ein Gast über seine Phantasien mit kleinen Mädels erzählt, dann schlägt man gerne zu!

 

? Was waren das für Leute, die Kunden oder besser Freier?

! Die Frage beantwortet sich von selbst, wenn man die Preise kennt. Wir hatten Kunden, die haben an einem Tag 6.000 Mark im Studio gelassen. Das sind also Leute, die fest in der Gesellschaft verankert sind, vielleicht eine hohe Stellung begleiten. Doppelmoral pur.

 

? Warum hast Du als Domina gearbeitet? Was war das Ziel?

! Ich hatte eine Mission, ich musste etwas erledigen. So würde ich das heute jedenfalls sehen. Ich habe meine Schulden bezahlt und auch einige Sachen angeschafft.

 

? Würdest Du das Ganze noch mal machen? Hier in Dresden?

! Im Prinzip schon, aber das, was ich gern mache, läuft hier nicht. Dresden ist zu klein und zu spießig. Ich habe es schon mal mit einem eigenen Studio versucht, aber die Konditionen waren sehr schlecht.

 

? Was sind die bleibenden Erinnerungen, was hättest Du lieber nicht erlebt?

! Die Zeit ist ein einziger Brei in meiner Erinnerung. Das meiste habe ich vergessen. Hängen bleiben wird auf jeden Fall die Totalkastration, die ich durchgeführt habe. Was ich lieber nicht gesehen hätte? Einmal hat eine Sklavin ihre eigene Scheiße gefressen, das war eklig. So etwas muss ich nicht haben. Ich bin Ästhetin.

 

? Eine Totalkastration ist natürlich ein ganz schöner Eingriff für einen medizinischen Laien. Hattest Du nicht Angst, etwas falsch zu machen?

! Ich habe mich vorher intensiv belesen und Kollegen befragt. Ich habe aber auch schon erlebt, dass andere da sehr locker ran gehen. Für mich völlig unverständlich …

 

? Wie oft hast Du gearbeitet?

! Sechs Tage die Woche, vierzehn Stunden am Tag. Natürlich hat man da nicht ständig was zu tun. Wenn keine Gäste da waren, habe ich viel gelesen und eine Homepage gebastelt.

Domina 3

 

? Wie muss man sich die rechtlichen / steuerlichen Rahmenbedingungen vorstellen?

! Ich musste mich als Prostituierte anmelden und bin dort wöchentlich durch einen Frauenarzt des Gesundheitsamtes untersucht wurden. Das war natürlich Quatsch, da ich nicht mit den Freiern geschlafen habe, aber so sind nun mal die Vorschriften. Rechtlich bewegt man sich als Domina auf sehr dünnem Eis. Fakt ist, dass es sich bei der „Behandlung“ um Körperverletzung handelt. Da nützt auch eine schriftliche Einverständniserklärung des Freiers nichts, da ein solcherart zustande gekommener Vertrag „wider die guten Sitten“ ist. Wenn es also ein Freier darauf anlegt, Dich zu verklagen, hast Du schlechte Karten. Man muss einfach wissen, was man macht und was man sich zutraut.

 

? Hast Du Dich als Prostituierte gefühlt?

! Nein, eigentlich nicht, obwohl man ja so behandelt wird. Besonders von den Behörden.

 

? Wussten Deine Eltern von Deinem Job?

! Ja. Sie haben mich auch mal besucht und ich habe sie im Studio rumgeführt. Mein Vater hat sich einiges erklären lassen, aber was ich so im Einzelnen mache, wollten beide nicht wissen.

 

? Hattest Du während Deiner Zeit als Domina jemanden, mit dem Du über Deine Arbeit reden konntest?

! Ich hatte einen guten Freund, mit dem ich reden konnte. Über das, was im Studio ablief haben wir aber nicht wirklich gesprochen.

? Hast Du Dich in der Stadt, wo Du warst, in einem geschlossenen Zirkel bewegt oder hattest Du einen Freundeskreis, mit dem Du zum Beispiel auch mal ausgehen konntest?

! Man lernt nur die Leute kennen, mit denen man arbeitet. Private Kontakte hatte ich so gut wie keine.

 

? Warum hast Du letztendlich aufgehört und ist Dir das leicht gefallen?

! Ich hatte mein Geld zusammen. Über die Sommermonate war es mit dem Verdienst nicht so toll und dann wurde auch noch das Studio umgebaut, was mir nicht so gefallen hat. Die Atmosphäre war dann hinüber.

? Nehmen wir an, Du hättest einen neuen Freund. Würdest Du ihm alles erzählen?

! Ja. Ich trage das Thema natürlich nicht vor mir her, aber zu gegebener Zeit würde ich schon darüber reden. Mein engster Freundeskreis weiß Bescheid.

 

? Hat sich in Deinem privaten Sexualleben etwas verändert?

! Ja. Ich betreibe weniger S/M. Auch das Verhältnis zu der speziellen Szene hat sich geändert. Ich erkenne viel leichter, wer nur ein Schwätzer ist. Die meisten achten ausschließlich auf Äußerlichkeiten. Im Alltagsleben bin ich empfänglicher für „Macht-Signale“ geworden, das heißt, mir fällt eher auf, wenn jemand kuscht.

 

Vielen Dank für die Beantwortung der Fragen!

 

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