Interview mit Michael Brunner (Gotik Wave Treffen GmbH)

veröffentlicht 1998 im Fanzine Gossips

Liebe Gemeinde. Das alljährliche Wave-Got(h)ik-Treffen in Leipzig steht uns bevor, und Gossips Radio (GR), unser radio-aktiver Ableger, nahm die Chance wahr, Michael Brunner (MB), einen der Macher des Treffens, Fragen zu stellen. Hatten sich doch in letzter Zeit kritische Stimmen gemehrt, die beklagten, daß das Treffen an Charakter verlöre und zunehmend der Kommerzialisierung anheim fiele, wie so manche Bastion unserer ach so unabhängigen Szene. Beim Treffen im noblen Büro des Wave-Gotik-Treffens saß uns dann aber nicht der fiese Vampir gegenüber, den Mancher vielleicht erwartet hätte, sondern ein freundlicher junger Mann, der immer noch eine große Portion des oft beschrie(b)enen Szene-Idealismus in sich trägt. Mit seinen ausführlichen Antworten gab er uns einen Einblick in die Geschichte und hinter die Kulissen des wohl größten europäischen (weltweiten???) Festivals für unsere Szene…

Here we go!

GR: Ja also, dann stell Dich und Deine Funktion für das Go-Treffen erst einmal vor.

MB: Ich bin Michael Brunner und mache dieses Jahr das Programm. In den vergangenen Jahren habe ich das mehr oder weniger alleine gemacht. Ich war verantwortlich für Programm, Werbung, Produktion, Personal… Eigentlich alles auf einmal. Irgendwie geht das aber nicht mehr. Es hat sich in den letzten zwei Jahren gezeigt, das wir vor Ort kurzfristig soundso eine ganz andere Struktur bekommen, die solche Ausmaße annimmt wie… z. B. der Kirchentag letztes Jahr. Gigantisch Ausmaße, die dann für die vier Tage des Treffens einfach notwendig sind. Für einige Leute ist die Woche davor aber schon Streß.
Momentan sind wir so aufgeteilt, daß es für das Wave-Gotik-Treffen einen Geschäftsführer gibt, der die vertragliche Seite mit der Stadt und den Bands regelt, die Pina, die sich um Pressesachen kümmert und vor Ort für Presse und Bands da ist, mich, mit dem Programm, eine Bürokoordination und Leute, die uns am Infotelefon unterstützen.

GR: Das erste Go-Treffen hat ja rein rechnerisch 1992 stattgefunden. Kannst Du uns kurz etwas zur Geschichte sagen?

MB: Ich komme immer auf 1991. Ich weiß zwar nicht warum, aber es müßte ´92 gewesen sein. Wir werden dieses Jahr was dazu ins Programmheft aufnehmen.
Die Idee kam eigentlich noch, als wir in der DDR lebten. Es fanden überall Partys statt, die alle mehr oder weniger illegal waren. Ab drei Leute war das schon sehr komisch. Wenn das dann auch noch Leute waren, die nicht
so aussahen, wie jeder aussah, war das noch problematischer.

GR: Besonders wenn man kein Blauhemd trug…

MB: Ja, das war dann schon komisch. Ich war auf einem Lehrgang in Potsdam und hatte dort einige Leute kennengelernt. Wir sind damals mehr aufeinander zugegangen. „Ach dort ist jemand, der sieht so aus, als könnte er mit mir gemeinsame Interessen haben.“ So war das dort auch. Ich bin da auf Leute zugegangen und die haben mich gleich aufgenommen. Wir sind die ganze Woche viel unterwegs gewesen und haben uns jeden Abend getroffen, haben irgendwo zusammen gesessen. Am Wochenende dachten wir uns, wir machen einfach eine Party, laden ein paar Leute ein. Rufen in Berlin an, daß von dort noch jemand kommt. Ich war begeistert von Potsdam, von der Stadt, den Parkanlagen. Wir waren auf dem alten Schloß Belvedere oben und haben uns gesagt: Laßt uns die Party doch hier oben feiern. War ja eine geniale Idee!
Da wurden Strickleitern gebaut und Fackeln selbst gewickelt und all diese Dinge. Es war sehr viel intensive Vorbereitung. Jeder hat so seinen Teil übernommen. Ich war immer vormittags bei meinem Lehrgang und nachmittags sind wir dann losgezogen z. B. zum Getränke einkaufen für die Party. Dann hab ich irgendwann in Leipzig angerufen und hab gesagt: „Mensch, Potsdam hier ist genial. Könnt Ihr nicht irgendwie herkommen?“ Ich hab gehofft, daß zwei, drei Leute kommen würden. Und als dann der Tag heran war, war Potsdam dann mehr oder weniger schwarz. Gut, das ist jetzt im Nachhinein etwas übertrieben. Wir hatten einen Treffpunkt vereinbart, das Cafe Haider. Da waren schon Leute aus Halle da und aus Berlin. Und als wir zum Bahnhof gefahren sind, wo ich meine Leipziger Freunde abholen wollte, in der Hoffnung, daß sie überhaupt kommen, war der ganze Zug schwarz. Leute sind ausgestiegen, aus Thüringen… von überall. Es hat sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen: „Es ist dort oben Party. Da passiert was.“ Und das ging uns dann vor allem im Nachhinein sehr nah. Dort oben sind die Leute dann lastwagenweise abtransportiert wurden, irgendwann mal in der Nacht. Es waren vielleicht 500 Leute, die sich versammelt hatten. Ein Großteil ist von der Polizei festgenommen worden, also Untersuchungshaft. Und der Rest, der dann dort oben noch war, hat weitergemacht. In der Ruine brannte Feuer. Jeder hat sein Getränk rumgereicht und geteilt. Auch das Essen, und wenn´s HANSA-Kekse waren. Da wurde alles geteilt. Es wurde Musik gemacht auf alten Töpfen, die wir aus nahegelegenen Gärten geholt hatten… Es war sehr atmosphärisch.
Nach der Wende hat uns dann das Inhaltliche gefehlt. Plötzlich gab es nicht mehr viel Szene, und das was es gab, was sich heimlich „Das Ich“-Kassetten angehört hat, das war nicht so unser Ding. Wir sehen das jetzt auch differenzierter..
Wir haben vermißt, daß die Leute miteinander reden, miteinander kommunizieren. Das Problem existiert nach wie vor. Man geht irgendwo rein, es ist einfach laut, man wird mit Nebel zugeblasen, Stroboskope sind an und man sieht nur Silhouetten. Man kann sich zwar eine eigene Welt aufbauen. Man hat irgendwie eine Identifikation mit irgendwas, aber niemand definiert das. Weil alles ist nur Markt. Die Musikbranche sieht das so, die Presse…
Alle sehen das nur als Marktsegment. Wir wünschen uns, daß die Presse mehr darauf eingeht und mehr inhaltliche Dinge bringt. Das Treffen soll eine Landschaft bieten, mit verschiedenen Dingen, mit Provokationen regelrecht. Sei es Architektur, sei es die Natur… alles Dinge, mit denen man sich auseinander setzen soll, die verschiedene Einzelinhalte präsentieren, die sich zu einem großen Ganzen zusammenfinden…

GR: Auf welche inhaltlichen Schwerpunkte legt Ihr dabei Wert?

MB: Ich persönlich möchte nicht unbedingt inhaltliche Schwerpunkte setzen, keine speziellen. Ich möchte nur anregen, daß die Leute für sich selbst, sich mit Freunden inhaltlich mehr Gedanken machen… Teilweise machen die Bands das ja. Man müßte sich die Texte übersetzen. Ich freu mich auch, daß es Bands gibt, die sich getrauen, nicht englisch, sondern deutsch zu singen oder Latein, wo wieder andere Zusammenhänge erkannt werden können. Und wo man was versteht und sich darüber Gedanken macht und letztendlich feststellt, daß es vielleicht ganz anders gemeint war, aber es hat irgendetwas gebracht. Das ist wichtig, daß das nicht verloren geht, daß man neue, wirkliche Werte erkennt und nicht völlig in solche Ersatzbedürfnisse verfällt.

GR: Ihr habt als „Moonchild“ angefangen?

MB: Ja, so haben wir uns am Anfang genannt.

GR: Der erste Veranstaltungsort war der Eiskeller (Conne Island), schon in Connewitz.

MB: Das erste Treffen war im Eiskeller mit dem Gelände des ehemaligen Eiskeller-Parks. Das war mal so´n Ballsaal. Im Saal sind die Bands aufgetreten und draußen wurde gezeltet und ein Feuerchen gemacht. Es gab Wein und Met aus Tonbechern…
Das war der Anfang. Wir haben daraus gelernt und wollten ein Stückchen weiter gehen, das Ganze einfach schöner machen.

GR: Wieviel Leute waren damals so anwesend?

MB: Dem Ordnungsamt gegenüber 800, denn dafür war das Haus zugelassen… Aber es waren etwa 2000 da.

GR: Beim letzten Treffen waren es ca. 7000?

MB: Mit den ganzen Leuten, die da noch einen Paß umhängen hatten, waren es beinah achttausend. Alle, die irgendwo irgendwas mitgemacht haben. D.h., entweder Personal, Aussteller, Stände, Presse, Gäste, Bands… Das ist nicht zu verachten! 50 Bands á 7 Köpfe durchschnittlich, noch ein Fahrer dazu. Da kommt einfach eine Masse an Leuten zusammen.

GR: Genau, das ist ein Kritikpunkt bei Vielen. Das Treffen wird immer größer und verliert ein wenig von seinem familiären Charakter, den Du anfangs beschworen hast. Wo siehst Du die Perspektiven?

MB: Also, der Charakter des Treffens soll eigentlich nicht verloren gehen. Das ist zumindest unser wichtigstes Anliegen. Auch die Atmosphäre nicht. Es gibt dort zweierlei Entscheidungen, die zu treffen sind. Die Leute, die uns ansprechen, sagen immer wieder: „Laßt nicht so viele Leute rein. Reicht doch mit 2000… 5000 Leuten.“ Aber dann frag diese Leute dann doch mal, ob sie diejenigen sein wollen, die nicht reinkommen.
Man kann das machen. Das hat so einen kleinen elitären Reiz vielleicht. Aber das ist vielleicht nicht Sinn und Zweck der Sache. Man sollte so eine Veranstaltungsreihe vielleicht noch parallel organisieren, wo man sagt, dort ist das begrenzt auf wenig Leute. Wir wollen’s auch begrenzen.
Das ist eine fiktive Zahl. Wir haben gerechnet und es gibt eine „geistige“ Grenze, die ist vielleicht in zwei oder drei Jahren erreicht. Das sind 16000 Leute. Dort ist Schluß. Auch weil wir durchgerechnet haben, was wir für Kapazitäten haben, die wir in den nächsten Jahren noch nutzen können. In diesem Jahr ist z.B. der Ratskeller dazu gekommen mit drei verschiedenen Gewölbesälen im Rathaus.
Wir erweitern uns ständig, machen aber auch eine große Halle für Veranstaltungen richtig fit. Das ist unsere große Treffen-Festivalhalle draußen auf der agra direkt am Zeltplatz. Dort wird dann auch täglich das in der Szene Populärste laufen. Alle die Interesse für etwas Spezielles haben, z. B. Gothic-Rock-Nacht, Industrialisation oder heidnische Party mit Pagan Dance, werden parallel dazu bedient. Man hat die Möglichkeit sich den Tag von früh bis spät zu planen und findet was für sich, im Gegensatz zum Vorjahr. Es ist zwar wieder mehr, aber thematisch geordnet. Wir haben aus dem Vorjahr gelernt, daß wir den Bands vorgeben müssen, wer, wann, wo zu spielen hat. Bisher haben wir versucht, alle Bedürfnisse der Bands zu berücksichtigen und dann passiert’s, daß die Bands dann „gegeneinander“ spielen, in einen „Konkurrenzkampf“ treten. Das werden wir versuchen zu unterbinden. D.h., wenn jetzt was parallel läuft, hat nicht jeder gleich den Herzschmerz dabei und sagt, ich verpasse alles.

GR: Das führt uns zu einem weiteren Problem. Beim letztjährigen Festival z. B. wollte ich Garden Of Delight sehen, die 0.30h im Werk II spielen sollten. Als sie dann anfingen, war es halb drei. Und das war keine Ausnahme. Habt Ihr daran gedacht, den Zeitplan straffer zu organisieren?

MB: Auf jeden Fall! Es ist natürlich so: Wenn eine Band im Stau steht, wenn irgendein Gitarrenverstärker ausfällt, dann gibt’s Bands bzw. deren Management, die Druck auf unsere Leute ausüben. Darunter leiden die Leute und letzten Endes auch die Atmosphäre. Zwei Wochen später lacht man darüber, aber vor Ort ist soetwas ärgerlich. Das ist nicht hundertprozentig zu vermeiden. In solch einem Rahmen, treten derartige Probleme eher gehäuft auf, weil es einfach zu viel ist. Wenn eine Band zwei Stunden zu spät kommt, dann verschiebt sich das Festival normalerweise um zwei Stunden, wenn nicht vor Ort der Produktionsleiter vom technischen Equipment her professionell arbeitet und sagt, daß die Band hintendran muß, damit die anderen pünktlich bleiben. Wenn das die Bands aber vorher wissen, dann machen sie das mit Absicht, um als letzte Band spielen…
Das ist alles nicht so einfach. Aber wir werden uns auf jeden Fall Mühe geben, daß das besser wird…
Es ist so strukturiert, daß die Leute durch den Tag gehen und sagen, das ist mein Festival und genau wissen, was sie machen. Wenn das Festival sich an dem Abend mal um eine Stunde verschiebt, dann tut das niemandem weh. Im Gegenteil. Sie sehen dann alle Bands. Manche spielen dann noch ein bisschen länger und bringen noch drei Zugaben. Was machst Du dann als Techniker. Die Leute schreien vorn aber die, die nächste Band sehen wollen, die ihren Plan genau so eingetaktet haben, die leiden wieder drunter. Deswegen ist es jetzt so, daß sie eher alle mehr davon haben, weil das jeweilige vor Ort am meisten interessiert.

GR: D. h., Ihr ordnet das örtlich-thematisch.

MB: Genau. D. h., wenn z. B. auf der Parkbühne das Programm zu Ende ist, weil wir dort nicht so lange machen dürfen, dann teilt sich das Interesse wieder auf und die Leute können woanders hingehen. Dort haben sie dann maximal 20% verpaßt und können komplett ein gesamtes Festival erhaschen und noch ein oder zwei Discos.

GR: Wechseln wir einmal das Thema und entfernen uns etwas vom Wave-Gothic-Treffen (vom Autor bevorzugte Schreibweise), welches ja für die „Schwarze Szene“ gemacht ist. Siehst Du auch, daß diese Szene sich zunehmend kommerzialisiert, und wenn ja, was kann man eigentlich dagegen tun?

MB: … Ich sehe es auf jeden Fall auch so, daß Jeder einfach- vielleicht ist es aber ein gesellschaftliches Problem- das Jeder sich Gedanken um sich selbst macht. Viele Leute, die irgendwo arbeiten- ich seh das bei uns- man denkt dann in Quartalsabrechnungen. Das Jahr teilt sich in vier Teile auf und die natürlichen Zusammenhänge verschwinden. Ich denke, daß Jeder schaut, sich wirtschaftlich erhalten zu können, um einfach weiter leben zu können, seine persönliche  Existenz aufzubauen, zu erweitern. Der Eine zum bereichern und der Andere vielleicht nur zum Überleben. Natürlich betrachtet man, besonders bei der Szene, das auch als Markt, findet man irgendwas, Mailorder, Plattenfirmen…
Da schießt auf die Leute eine ganze Menge ein. Und dadurch, daß das eine ein bißchen abgeschlossene Gruppe ist- die Leute fühlen sich untereinander wohl, auch wenn sie sich oft leider viel zu wenig zu sagen haben- kann man auf die Leute zugehen und mit ihnen arbeiten. Das wird sicherlich oft genutzt. Manch einem könnte man unterstellen „ausgenutzt“. Man kann aber damit arbeiten als wirtschaftlichem Faktor. Das ist so. Was man dagegen machen kann, weiß ich auch nicht. Man sollte vielleicht versuchen, die Leute immer wieder darauf hinzuweisen, worum es geht bzw. sie selber aufzufordern oder ihnen die Möglichkeit zu geben, sie zu bitten, sich Gedanken zu machen, ob’s eigentlich um überhaupt was geht. Das ist dann schon schön. Und wenn nicht, ist es auch nicht so schlimm, weil alle anderen Musikbranchen oder -richtungen werden auch vermarktet. Manchmal ist das ja auch was Gesundes. Es ist ja auch schön, wenn ich mir von allem Möglichen eine CD kaufen kann, wenn ich sie bezahlen kann. Dann hab ich sie zu Hause. Ich hab dann eine Vielzahl von Musik zu Hause und damit ein Stück Subkulturbereicherung. Eine Bereicherung meiner Welt, die ich mir vielleicht schaffe.

GR: Weil wir gerade beim Thema Geld sind. Vielleicht kannst oder willst Du die Frage nicht beantworten – zumindest könnte ich das verstehen. „Lohnt“ sich das Gothic-Wave-Treffen überhaupt?

MB: Sagen wir´s mal so: Wenn man das rückwirkend über die ganzen Jahre sieht, dann kann man sagen, man macht dort plus/minus Null. Wir hatten…um da Zahlen zu nennen…euch interessiert es ja auch… es ist schade, daß soetwas interessant ist, aber die Leute fragen oft danach und wollen es sicher hören und wissen … Es ist natürlich so, daß manchmal da recht viel übrig bleibt. Es ist natürlich auch so, daß einige Leute das ganze Jahr davon leben müssen. Man muß auch mal überlegen, wenn jemand, der im Monat 4000,-DM verdient… was der dann im Jahr hat… ob man dem einen Vorwurf daraus macht. Wenn man das alles auf einmal sieht, dann sieht das viel aus, aber im einzelnen betrachtet, ist es sehr viel für den einen und für den anderen ist es sehr wenig. Das ist alles eine Relationsfrage.
Und es gibt Veranstaltungen- das hab ich persönlich zweimal erlebt- wo einfach ganz viel Geld fehlt. Das Geld, was da fehlt ist nicht nur nicht da, sondern das ist dann halt im Minusbereich. Damit kann man also richtig Schulden machen. Man steht dann da, man hat Schulden, aber die Sache hat funktioniert, die ist irgendwie gelaufen und die Leute haben ihren Spaß gehabt. Es hat überhaupt stattgefunden. Wir versuchen natürlich, das
wirtschaftlich auf festen Beinen zu gestalten, aber wir wollen das wirtschaftlich nicht bis ins Letzte ausbeuten. D. h., selbst wenn sehr viel übrig bleibt, dann wird auch wieder investiert. Teilweise schon im Vorfeld.
Jetzt merken wir z. B., daß sehr viele Leute kommen. Auch noch mehr als im Vorjahr. Das ist einfach so ein Gefühl, das man hat, verbunden vielleicht mit Vorverkaufsmeldungen. Aber man investiert im selben Moment, wenn das sehr viele Leute werden. Dann kann man noch das machen oder das. Macht man noch irgendwas Klassisches. Ich will z. B. einen Posaunenovertüre machen zur Eröffnung…
Das sind alles Dinge, wegen denen kommt keiner mehr. Alles, was über 70% der Bands hinausgeht, das ist einfach nicht wirtschaftlich. Das ist ein Beiwerk. Aber gerade das Beiwerk ist wiederum eine Investition für die Zukunft. Letztendlich auch fürs nächste Jahr.

GR: Wird die Bandauswahl „demokratisch“ vorgenommen oder wie muß man sich das vorstellen?

MB: Na ganz demokratisch kann man die Bandauswahl nicht abstimmen, weil… man müßte ja… Es ist dann die Frage, welchen Kreis an Leuten man befragt. Normalerweise müßte man die Leute fragen, die halt kommen. Das haben wir z. B. im letzten Jahr gemacht mit dem Fragebogen. Da stand dann z. B. auch drauf The Cure oder Siouxie And The Banshees. Es standen aber auch Bands drauf wie Ophelia´s Dream oder Rozengracht. Das sind dann so Bands, die man nicht ständig sieht, und von denen man nicht ständig was hört. Nach denen fragt aber das Treffenpublikum, weil, man einmal im Jahr dann doch in den Genuß kommen kann, den man sonst nicht hat, weil sich das sonst nicht lohnt, eine Band wie Rozengracht… wenn die auf Tour geht, dann ist das problematisch, unwirtschaftlich bis zu einer bestimmten Grenze. Man kann halt verschiedene Dinge da machen.
Wir  haben natürlich auch immer Bandbewerbungen- dieses Jahr war es besonders stark. Wir schauen, ob wir nicht die eine oder andere Band dort noch unterbringen. Dieses Jahr war es soviel, daß wir gar nicht wissen, wann wir den Leuten antworten sollen. Wir haben einen ganzen Schrank voll… Wir haben schon einiges rausgesucht, was wir dieses und schon nächstes Jahr vorstellen können.

GR: Wieviel Rückmeldungen habt ihr für den Fragebogen gekriegt?

MB: Vielleicht hundert. Das ist nicht viel, aber wiederum auch viel. Das kann man nicht so sagen. Aber immerhin… Vielleicht arbeiten wir den Fragebogen diesmal ins Programmheft ein- dann muß man wieder was rausreißen und das Programmheft ist kaputt… Aber wir müssen sehen. Das mit dem Fragebogen finden wir immer noch gut. Die Leute nach ihren persönlichen Inhalten zu fragen und nach ihrem Umfeld, auch, um das mal zu veröffentlichen, und dann natürlich alle szene- und treffenspezifischen Dinge.

GR: Nutzt Ihr die Ergebnisse des Fragebogens auch, um dem Leipziger Normalbürger, der ja nun jedes Jahr Massenaufläufe Schwarzgewandeter durch seine Stadt ziehen sieht, zu vermitteln, was die Schwarze Szene ist?

MB: Nein, dafür sind die Fragebögen nicht gedacht. Zum einen interessiert es uns. Aber wir wollen das auch veröffentlichen und wir wollen mit den Wünschen der Leute arbeiten. Veröffentlichen nicht in der Form, wer jetzt was… Was wir vielleicht noch machen, ist, daß wir uns an die entsprechende Presse wenden. Selbst die BILD-Zeitung hat letztes Jahr einen sehr schönen Bericht veröffentlicht. Wir waren auf der Titelseite der Leipziger Volkszeitung und der BILD-Zeitung und hatten gute Berichte. Und wenn dort steht: „Der Friedhof tanzt“, dann ist das gar nicht mal böse gemeint. Von BILD ist das noch ziemlich mild. Die Bürger der Stadt Leipzig, die kommen- das unterstell ich den Leuten jetzt mal- eigentlich ganz gut bzw. zunehmend besser damit klar. Weil sie einfach sehen, daß das viele Jugendliche sind, die zwar eigentlich ganz schlimm aussehen, aber so ganz nett sind. Selbst die Pfarrer der Kirchen die, wenn sie das vorher geahnt hätten, ihr Gotteshaus dafür nicht geöffnet hätten, haben festgestellt, daß die Werke die gespielt wurden in sakralen Räumen gespielt werden müssen… Mariengesänge aus verschiedenen Jahrhunderten… Wo auch Publikum da war, das nicht grad Bier trinken war bei einem rockigeren Konzert, sondern maximal einen Wein getrunken hatte und sich gefreut hat einer solchen Sache beizuwohnen.
Die Pfarrer sagten, daß die Leute sich sehr diszipliniert verhalten haben für ein im Vergleich zu sonst sehr junges Publikum. Das dort auch ein bestimmtes Feingefühl bei den Leuten vorhanden ist… Das freut uns auch, daß das anerkannt wird. Man soll die Leute zwar nicht alle in den Himmel heben, aber es gibt doch Leute, die damit umgehen – um mit den Worten des Pfarrers zu sprechen- die sich kulturvoll bewegen können.

GR: Das ist ein Erfolg, wenn man das zeigen kann. Kommen wir aber zurück zu den praktischen Dingen des Lebens. Letztes Jahr gab es in Dresden keine Karten im Vorverkauf. Wird sich das dieses Jahr ändern?

MB: Das muß ich unserem Vorverkaufsvertrieb sagen. (Lacht) Wir haben nichts gegen Dresden. Das  ist eher ein organisatorisches Ding. Wenn eine Vorverkaufsstelle Interesse hat, Karten zu verkaufen… Wir können nicht alle anschreiben, weil es einfach so viele sind. Wir schreiben natürlich die an, mit denen wir immer im Kontakt sind. Man telefoniert, kennt sich teilweise… Wenn jemand Interesse hat oder ein Käufer zu irgend jemand hingeht und sagt: “Ich möchte gern eine Karte“ und die haben das nicht, daß die sich dann erkundigen und die dann bestellen. So funktioniert das. Weil bundesweit kann man nicht anders arbeiten.

GR: Schon im letzten Jahr war es so, daß die Veranstaltungsorte zum Teil sehr weit auseinander lagen, was besonders für alle die, die kein Auto ihr eigen nennen ein Problem darstellt. Werden die nichtmotorisierten Treffenteilnehmer diesmal ein wenig besser bedacht?

MB: Soviel ich weiß, sind die Verhandlungen mit den Leipziger Verkehrsbetrieben nicht so rosig gelaufen. Die Verkehrsbetriebe wollen sehr viel Geld haben. Wir wollten eigentlich einen Freifahrschein für jeden haben, der am Treffen teilnimmt.
Wir wollten dafür auch ein paar tausend Mark dafür bieten, daß die Verkehrsbetriebe das machen. Die haben daran nicht so großes Interesse gezeigt und wollten wirklich Unsummen dafür haben. Das geht aber nicht. Man müßte was extra verlangen, aber das wollen die Leute dann auch nicht bezahlen. Nun wird die LVB- ich will den Teufel nicht an die Wand malen… Die Leute werden wieder im doppelten Sinne schwarz fahren. Das bringt auch keinen Unterschied.
Tagsüber werden wieder Pferdewagen fahren. Nachts geht das nicht, weil die Pferde geblendet werden würden vom Scheinwerferlicht, was eine Quälerei wäre. Bis 21.00Uhr werden Pferdewagen fahren…Die Festivalveranstaltungsorte werden sich auf einer „Meile“ befinden, die fünf Kilometer ist. Das maximalste, was man da laufen muß, sind fünf Kilometer. Wenn jemand schon mal wandern war, dann bringt er das auch. Die Jahreszeit ist relativ mild. Es gibt viele Leute, für die das auch ein sehr schönes Erlebnis ist. Man kann an der Elster entlang- wir werden das im Programmheft noch mal richtig zeigen- nur durch´s Grüne gehen und von dort immer zu den einzelnen Veranstaltungsorten abgehen. Man kann mit Freunden oder mit dem Partner wirklich ganz angenehm in der Stadt unterwegs sein. Ich finde das nicht schlimm, daß wir das nicht komplett organisieren und das jeder bis vor die Tür gefahren und gesetzt wird. Derjenige, der das nicht will, der kann auf dem Zeltplatz bleiben und hat dort- das ist jetzt nicht böse gemeint- vor Ort Café, Disko, Markt, die ganzen Stände, jede Menge Liveprogramm und verpaßt, wenn er so will, nichts jedoch alles.

GR: Auf dem agra-Gelände werden dann hauptsächlich Diskos laufen?

MB: Es wird immer was vor Ort laufen- auch Konzerte. Schon zum Eröffnungsabend werden Livebands zu sehen sein.

GR: Es war die Rede von einer „Parade“…

MB: Ne Parade? Irgendwann stand mal was von einem Mittelalter-„Masch“. Da hat sich nur jemand verschrieben, das war ein Mittelalter-Marsch. Vielleicht kam man ja von Marsch auf Parade und dann irgendwann zum Militär. „Marschieren“ kommt ja ursprünglich von Laufen…

GR: Es ging dabei mehr um die Parallele zur Love-Parade. Sozusagen eine „Wave-Parade“, daß man einen Zug der schwarzen Gestalten durch Leipzig organisiert.

MB: Das hat eigentlich schon letztes Jahr stattgefunden. Und zwar sind ein paar Mittelaltermusiker auf die Idee gekommen, mit Allen rumzuziehen. Das wird jetzt auch wieder eingebunden, daß man gemeinsam mit der Band zum Konzert geht. D.h., die laufen vornweg und machen Party. Die Hälfte der Leute kann sich dabei gern kranklachen, darüber, daß sich da jemand produziert und die andere Hälfte kann das sehr gut finden. Es muß ja keiner mitgehen… Wenn von den 8000 Leuten 50 mitgehen, haben die 50 Leute jede Menge Spaß und die anderen müssen es nicht machen. Wenn jemanden irgend etwas zu doof oder zu peinlich ist, ist er nicht dazu gezwungen.
Wir freuen uns, daß es überhaupt noch Leute gibt, die solche Aktionen machen und sagen: „Wir machen uns für andere zum Eimer. Wir produzieren uns.“ Das ist wichtig. Ich hab jetzt mit den Worten der Leute geredet, die irgendwie darüber schmunzeln. Aber eigentlich sollte man dort natürlicher reagieren und es für sich in irgendeiner Form nutzen.

GR: Ich denke, darum geht es ja auch, daß die Leute Spaß haben und sich nicht so sehr den Kopf darum machen müssen, wie sie auf andere wirken.

MB: Ja, das ist eigentlich völlig egal. Ich denke, daß die Szene dort gespalten ist. Die einen sagen: „Ich bin schwarz. Ich bin gruftig. Ich darf nie lächeln.“ Und andere sagen: „Das Schwarze ist für mich das Traurige. Ich zeige damit eine Ablehnung gegenüber dem, was aktuell ist, was mich umgibt… die Moderne, die Gesellschaft, die Welt…“ Für wieder andere ist die Farbe schwarz einfach was Schlichtes, was Zurückhaltendes. Damit ist das Thema für sie abgegessen. Man hat dann den Kopf frei. Dann gibt’s Leute, für die ist das was Feierliches, etwas Festliches, sich so zu gewanden. Das sind dann nicht nur die Leute, die schwarz aussehen. Ich nehme an, das sind dann auch die Leute, die weiße Kleider tragen, historische Gewänder…
Es gibt ja Leute, die für sich privat, Samstagabend, im Barock, hören sich Bach und würden sich am liebsten eine Perücke aufsetzen. Vielleicht kommen in den nächsten Jahren auch immer mehr solche Leute, die die Neoromantik verschiedener Zeitalter einfach wiederentdecken.

An dieser Stelle unterbrach das Telefon unsere Konversation. Auch wartete schon der nächste Interviewer auf Michaels Antworten. Daher werde ich mich bemühen, ein paar Worte zum Abschluß zu finden.

Alle die, die schon einmal Gelegenheit hatten, eine Veranstaltung zu organisieren, wissen, welche Unmenge von Arbeit das erfordert, an wieviel tausend Dinge zu denken ist und was man alles falsch machen kann. Um so größer die Party wird, um so größer wird auch das Risiko. Neben den Künstlern, die ihre Gage haben wollen, sind Mieten für Ton- und Musikanlagen und Räumlichkeiten, Dekorationsmittel, Veranstaltungsversicherungen
… und und und zu bezahlen. Für ein Festival wie in Leipzig stellt das eine ganze Menge Geld dar, die erst einmal erwirtschaftet werden muß.
Wer also über Kommerzialisierung klagt und die sich ständig erhöhenden Preise kritisiert, darf die andere Seite der Rechnung nicht vergessen. Am Ende will niemand mit einem Loch in der Kasse dastehen und für umsonst gearbeitet haben. Sicherlich ist hier die Frage erlaubt, ob die zunehmende Vergrößerung des Festivals überhaupt sinnvoll ist. Das muß, denke ich, letztendlich der Veranstalter entscheiden. Wir als „Konsumenten“ könne dann nur noch „mit den Füßen abstimmen“, d.h., wählen, ob wir das Festival besuchen oder nicht. Niemand wird dazu gezwungen.

Die andere Seite eines solchen Festivals ist – und darauf hat Michael immer wieder hingewiesen – daß, was man für sich selbst daraus macht. Wer kann die „Inhalte“ unserer Szene, oder auch nur die eigenen, überhaupt noch definieren? Verfallen wir nicht viel zu oft in eine Konsummentalität, die von immer wieder zu überbietenden Erwartungen geprägt ist? Sind „die Leute“ denn nicht immer weniger selbst bereit, Initiative zu zeigen, eigene „Strickleitern“ zu bauen. Ich glaube, hier müssen wir uns alle selbst an die Nase greifen. Denn zwingen tut uns wirklich niemand zu etwas. Und mal ganz ehrlich: Wer es Euch lieber, wenn es das Wave-Gothik oder von mir aus Wave-Gotik-Festival nicht gäbe?

v.o.t.

 

Für alle, die das Treffen nicht nur zur weingeistigen Bereicherung nutzen wollen, weist GRNN (Gossips Radio Neueste Nachrichten- für die, die es immer noch nicht wissen) auf folgende Veranstaltung hin:

ZILLO- Podiumsdiskussion mit Ecki Stieg („Grenzwellen“)

1. „Elektro – und Gothic-Szene – Ein deutsches Phänomen?“

2. „Kraftwerk haben ‚Das Model‘ gecovert!“

zum mangelnden Geschichtsbewußtsein der Szene

3. „Wenn süß das Mondlicht den ebenhölzernen Sarg berührt“

Sprachliche und literarische Ästhetik der deutschen Gothic-Szene

4. „Industrial – alles nur noch Krach?“

Ist Industrial eigentlich noch relevant?

 

Mit illustren Gästen wie Bruno Kramm (Das Ich), Alexander Veljanov, Stefan Herwig (Off Beat), Peter Heppner (Wolfsheim), Gero Herrde (Synthetic Sympony), Sven Friedrich (Dreadful Shadows), Mozart (Umbra Et Imago), Martin Sprissler (Gothic), Klive & Nigel Humberstone (In The Nursery)

Pfingstsamstag, den 30. Mai
in der Moritz-Bastei Beginn: 12 Uhr – Ende ca. 16 Uhr

Na Freunde, wenn das nicht verspricht, spannend zu werden, dann weiß ich echt nicht!

3 Kommentare

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