HOLOTROP UNVEILED

Interview mit Toni Burner / Holotrop

Die Szene für experimentelle Musik ist hierzulande überschaubar. Der Kern der Beteiligten kennt sich und weiß, was der andere macht. Umso erstaunlicher ist es, wenn ein Bekannter, mit dem man schon manche Party und manches Festival „überstanden“ hat, sich plötzlich als begnadeter Musiker entpuppt. So geschehen, mit Toni Burner, der unter dem Projektnamen HOLOTROP seit 2013 einige sehr ansprechende Tonträger veröffentlicht hat (Rezensionen). Nachdem vor kurzem das erste „vollständige“ Album erschienen ist, nutzt das debil Magazin die Möglichkeit, um ein wenig mehr über Macher und Musik von Holotrop zu erfahren.

Holotrop

debil Magazin: Hallo Toni, du hast gerade Dein erstes „richtiges Album“ mit Holotrop veröffentlicht, NAGUAL. Wie fühlt sich das an, solch ein Tondokument in den Händen zu halten?

Holotrop: Es fühlt sich natürlich gut an, weil ja immer eine Menge Arbeit dahinter steckt. Gerade an NAGUAL hab ich fast ein Jahr gearbeitet.

debil Magazin: Bei einem Nagual handelt es sich um einen persönlichen Schutzgeist in Tier- oder Pflanzengestalt. Wie sähe denn Dein Schutzgeist aus bzw. der von Holotrop?

Holotrop: Ich denke es wäre ein Kaktus, ein runder Kaktus.

debil Magazin: Deine Releases haben alle eine „mystische“ Dimension, Du beschäftigst Dich viel mit bewusstseinserweiternden Drogen. Würdest Du das eher als eine Flucht aus der Welt betrachten oder als deren Erweiterung?

Holotrop: Als erstes sollte ich vielleicht erstmal klarstellen, dass Holotrop keine „Drogenband“ ist und Drogen auch nur ein Teil von Mitteln zur Bewusstseinserweiterung sind. Der Name Holotrop bezieht sich ja auch auf ein Mittel der Bewusstseinserweiterung, das gänzlich ohne Drogen auskommt, auf das holotrope Atmen, welches von Staninslav Grof und seiner Frau Mitte der 1960iger Jahre entwickelt wurde. Drogen zu nutzen, um aus der Welt zu flüchten, ist in meinen Augen auch der völlig falsche Ansatz, gefährlich und führt in den meisten Fällen zu keinem wirklichen Ergebnis. Gerade hochpotente Psychedelika wie LSD oder Meskalin sind keine Spielzeuge, sondern Werkzeuge, um tiefere Einsichten in das universelle Bewusstsein zu erlangen. Leider ist das in der heutigen Zeit fast völlig in Vergessenheit geraten und Drogen werden nur als weiteres Gimmik der Spaß- und Leistungsgesellschaft betrachtet. Diese Herausgerissenheit aus rituellen oder initiatorischen Kontexten ist äußerst schade und birgt große Gefahren. Wer sich nicht vorher eingängig mit seinem Bewusstsein beschäftigt, braucht sich auch nicht über unerfreuliche Erlebnisse zu wundern oder um es anders aus zudrücken: Wer keine Bewusstsein hat, kann es auch nicht erweitern. Ein weitere Aspekt ist natürlich die völlig falsche Aufklärung über Drogen, die zum großen Teil nur negative Aspekte ausleuchtet, eine völlig falsche Vorstellung vermittelt und Angst schürt.

Holotrop Hidden

debil Magazin: Mit der Welt, so wie sie ist, kann kaum jemand zufrieden sein. Was würde sie Deiner Meinung nach etwas besser machen?

Holotrop: Es wäre vielleicht ganz gut, wenn wir uns anstatt von unseren Ängsten, von unseren Hoffnungen und Träumen leiten lassen würden.

debil Magazin: Ein wichtiger Aspekt der – sagen wir einfach ganz vereinfachend – Industrial Music ist ja, dass das Genre von den Aktiven immer dazu genutzt wurde, wenig populäre Ideen, vergessene Denker, obskure Begebenheiten in den Fokus des Interesses zu rücken. Gilt das für Dich ebenso und wenn ja, was willst Du Deinem Hörer mitgeben?

Holotrop: Natürlich ist Holotrop auch immer ein Spiegel von dem, was ich denke, fühle oder erlebe. Seit frühester Kindheit fühle ich mich stark zu spirituellen Erfahrungen hingezogen. In die Musik von Holotrop fließen diese Erfahrungen natürlich mit ein. Ich bin ein großer Freund expressionistischer Literatur und Lyrik, aber auch von Jünger, Cioran oder Pessoa. Auf der NAGUAL befinden sich eine Unmenge von Anspielungen und Verweisen auf Forscher, Philosophen oder Autoren des transpersonalen Weges wie Ram Dass, Grof, Hoffmann oder Leary. Das „Question Authorithy“ Learys, das selbst Denken, das Verinnerlichen und das selbst Handeln scheinen nicht mehr sehr populäre Ideen zu sein. Sicher wollte ich diesen Ideen, die heutzutage als Ansichten obskurer Drogenabhängiger beschimpft werden, auch wieder Raum schaffen und sie ins Bewusstsein bringen. Auf dem zweiten Teil der TRANSPERSONAL MUSICK Serie werde ich mich eingehend mit meinen Erfahrungen und Visionen mit Ayahuasca beschäftigen.

debil Magazin: Nach den inhaltlichen Referenzen darf selbstverständlich auch die Frage nach den musikalischen Vorbildern / Interessen nicht fehlen. Wer sind also Deine „all-time-favourites“ und was findest Du aktuell gut?

Holotrop: Prinzipell ist mir wichtig, das Musik mich hinausträgt und mitreißt. Geprägt haben mich Bands wie Moondog, Can oder Faust. Mein erste Konzert war Pink Floyd in den 1990igern. Früher habe ich auch viel Black Metal gehört, aber das ist fast komplett eingeschlafen.
Mittlerweile höre ich viel Ambient wie Deru oder The Haxan Cloak aber natürlich auch viel Ritual Music; ältere Sachen wie Zero Kama, Organum oder Lashtal. Aktuell läuft bei mir Carst, ein Projekt aus Novosobirsk, in Dauerschleife. Ich finde gerade in Osteuropa und Russland passiert musikalisch sehr viel, leider wird das hier in Deutschland nur wenig bis gar nicht wahrgenommen. Ich kann jedem die Veröffentlichungen der Labels Black Mara und Paneon wärmstens an Herz legen.

Holotrop - Nagual

debil Magazin: Zurück zu Deiner eigenen Musik: Mit NAGUAL hat sich Holotrop klanglich etwas verändert, ist, auch wenn dieser Ausdruck vielleicht unpassend scheint, „eingängiger“ geworden. Wo siehst Du selbst die größten Unterschiede zu den vorhergehenden Releases?

Holotrop: Natürlich versuche ich mit jeder Veröffentlichung, mich auch weiter zu entwickeln. NAGUAL hat nicht mehr die Reduziertheit und Erdigkeit wie zum Beispiel INVOCATION OF THE UNTHINKABLE oder DOORWAY TO THE NUMINOUS – die Sounds sind flächiger und atmosphärischer geworden und ich hab viel mit Rhythmik und Samples gearbeitet, um Spannungsbögen besser aufbauen zu können.

debil Magazin: Wenn man sich Dein Werk so anhört, ist es kaum vorstellbar, dass Du noch nie Musik gemacht hast. Du hast schon einmal in einer Band gespielt, richtig? Wann und was war das?

Holotrop: Ich habe Mitte der neunziger Jahre angefangen mit Teutoburg, einem Projekt, das ich damals noch im Chemnitz betrieb.

debil Magazin: Du hast also eine ganze Weile „pausiert“. Was war für Dich der Anlass, wieder Musik zu machen?

Holotrop: Pausiert habe ich nie wirklich, im Privaten und in den letzten Jahren auch im Beruflichen, beschäftigen mich Klänge und Musik immer. Die Entscheidung, wieder etwas zu veröffentlichen, ist sicher auch Ausdruck meiner persönlichen Entwicklung, von der die Gründung von Holotrop nur ein Teilaspekt, aber auch eine logische Konsequenz war.

debil Magazin: Wie hast Du konzeptionell und technisch angefangen mit Holotrop?

Holotrop: Holotrop basiert konzeptionell auf drei Säulen.
1. Der DIY Gedanke: Das heißt, vom ersten Ton bis zur Herstellung der Verpackung alles in Eigenregie zu machen.
2. Der Non-Profit Gedanke: Alle Veröffentlichungen werden zum Selbstkostenpreis verkauft.
3. Holotrop sollte nicht eine weitere Laptopband sein, das heißt, ich setze auf eine Mischung aus elektronischen und akustischen Instrumenten, um so mit ein für mich zufriedenstellendes Live-Konzept zu ermöglichen.
Mittlerweile besitze ich eine große Sammlung von Instrumenten aus aller Welt, die natürlich in die Musik von Holotrop einfließen. Außerdem arbeite ich viel mit Fieldrecordings von Naturgeräuschen.

debil Magazin: Eine meiner Lieblingsfragen: Wie muss man sich die Entstehung von Holotrop-Stücken oder ganzen Veröffentlichungen vorstellen.

Holotrop: Das ist sehr unterschiedlich, NAGUAL ist natürlich ein konzeptionelles Album, mit der klaren Idee, viele Konzepte von bewusstseinsverändernden Zuständen anzusprechen und auf einem Album zu verdichten. Es hat also so gesehen neben dem musikalischen auch einen informativen Aspekt. Von daher ist NAGUAL auch mehr songorientiert und akzentuiert, ohne natürlich gewisse Spielräume zu lassen. Bei der Transpersonal Musick Serie dagegen, steht das Unbewusste stark im Vordergrund, meist geprägt durch persönliche Erfahrungen, Träume und Visionen. Deshalb sind diese Songs mehr fließend, ausufernd und improvisiert. Ich mag beide Arten zu arbeiten, weil sie mir die Freiheit geben, eine größere Bandbreite von Musik zu verwirklichen und mich nicht in ein musikalisches Korsett einschnüren.

debil Magazin: Bist Du mehr der Typ Musiker, der eine Idee hat und diese dann gezielt umsetzt oder entstehen die Stücke eher im Fluss?

Holotrop: Wenn ich eine Idee habe, entsteht ein Stück meistens in einem Guss an einem oder mehreren Tagen. Ich bin niemand, der monatelang über einem Song tüftelt und alles perfektionieren muss. Ich finde, dass das die Kreativität völlig tötet. Oft kommen mir Ideen, wenn ich auf Reisen bin und andere Eindrücke auf mich einwirken. „Spiritual Amnesia“ ist ein gutes Beispiel dafür: Die Songidee entstand, als ich durch Angkor Wat lief und all die zerfallenen Tempel sah und mich fragte, wie viel Wissen hier wohl für immer vergessen worden ist.

debil Magazin: Welches Ziel hast Du Dir als Musiker gesetzt? Wo willst Du hin?

Holotrop: Ich hab keine Ahnung, wohin der Weg von Holotrop gehen wird. Mittlerweile haben einige Labels angefragt, um Holotrop zu veröffentlichen… Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, ob ich das wirklich will und stehe dem Ganzen eher skeptisch gegenüber. Ich bin kein Mensch, der immer alles größer und besser machen muss. Holotrop sehe ich eher als Geschenk an die Hörer, als Gedankenanstoß und als Ausdruck meiner inneren Gedankenwelt und meiner Gefühle. In dieser Welt haben Dinge wie Verkaufszahlen oder Business eher keinen Platz. Vielleicht baue ich mein eigenes Label Qualia noch etwas aus, wenn es Projekte gibt, die mir gefallen und die den Non-Profit Gedanken teilen.

debil Magazin: Typisch für Deine Veröffentlichungen ist die aufwändige Verpackung. Richtet die sich eher an den Sammler oder steckt da mehr dahinter?

Holotrop: Die Verpackungen sind Teil des Konzepts und sollen dem musikalischen Inhalt noch eine visuelle und haptische Seite hinzufügen. Es lässt sich leider nicht verhindern, dass einer der Grundgedanken von Holotrop, nämlich die Non-Profit Idee dadurch unterminiert wird, das es Sammler gibt, die Holotrop Veröffentlichungen nur kaufen, um sie dann zu horrenden Preisen wieder zu verkaufen. Diese Leute haben leider nicht verstanden, worum es mir geht.

debil Magazin: Die Veröffentlichungen sind ja sehr limitiert und zum großen Teil auch schon ausverkauft, wird es Re-Releases geben oder eine Art „Best Of“?

Holotrop: Ich weiß nicht, ob so etwas wirklich Sinn macht; alle Releases stehen auf meiner Bandcamp-Seite zum Download bereit. Von daher werde ich das wohl nicht tun, aber es gibt einige unveröffentlichte Sachen und Remixe, die ich vielleicht irgendwann mal noch als physischen Tonträger herausbringe.

debil Magazin: Du bedankst Dich in Form eines Einlegers immer für den Kauf Deiner Tonträger. Eine Form von Understatement?

Holotrop: Ich finde es selbstverständlich, das zu tun. In Zeiten, in denen sich die Welt immer schneller dreht, find ich es nicht selbstverständlich, dass Menschen sich die Zeit nehmen, um sich mit Musik intensiv auseinanderzusetzen oder diese gar zu kaufen. Die Hörgewohnheiten haben sich doch stark verändert und sind stark Mausklick-geprägt, was natürlich schade ist. Deshalb auch das Dankeschön an die Hörer.

debil Magazin: Du hast bereits eine Splitveröffentlichung mit Nam-Khar auf dem „Kerbholz“, soweit ich weiß sind weitere Kollaborationen geplant. Kannst Du da schon mehr verraten?

Holotrop: Geplant ist eine Kollaboration mit Balog von SARDH, den ich als Mensch und Musiker sehr schätze. Genaueres dazu will und kann ich aber noch nicht sagen.

debil Magazin: Wie sieht es mit weiteren Veröffentlichungen und mit Live-Auftritten?

Holotrop: Mitte / Ende des Jahres wird der zweite Teil der Transpersonal Musick Serie veröffentlicht werden, diesmal hoffentlich wieder auf Vinyl, unter dem Namen EARTH UNLEASHED. Die Arbeiten daran sind gerade im vollen Gange. Außerdem wird es noch einen Beitrag für einen Sampler geben.
Live freue ich mich besonders darauf, die neuen Songs zu präsentieren und auf das Konzert in Chemnitz, welches in einer speziellen Location stattfinden wird. Außerdem stehen noch Konzerte in Wien, Berlin, Brünn und in Polen an. Zu guter Letzt veranstalte ich im Dezember ein Festival in Berlin mit dem Namen SONS OF AN OLDER COSMOS, das namhafte aber auch eher unbekannte Projekte und Bands aus dem Ritualbereich zu Gast haben wird. Ich möchte damit eine Plattform schaffen für den Austausch von Ideen und Konzepten spiritueller und okkulter Natur.

Da freuen wir uns schon drauf! Vielen Dank für das Interview!

Holotrop Unveiled

 

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Ein Kommentar

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