Ein Opa in strahlender Laune – Interview mit Hans-Joachim Roedelius

Hans-Joachim Roedelius ist ein Pionier auf dem Gebiet der Kunst, aus elektrisch erzeugten Tönen, Klängen und Geräuschen Musik zu schaffen, und gilt heute als einer der Stammväter der zeitgenössischen populären elektronischen Musik. In seiner Künstlerlaufbahn kann der 1934 Geborene auf über 100 Veröffentlichungen verweisen, darunter Solowerke, Kollaborationen mit Brian Eno, Holger Czukay, Michael Rother, Konrad Plank, Peter Baumann, Dieter Moebius, Konrad Schnitzler sowie als Mitglied von Gruppen wie Cluster bzw. Kluster, Harmonia, Tempus Transit, Geräusche…
Das gesamte Werk des in Wien lebenden Komponisten, Musikers und Texters werden sicher nur einige Wenige überschauen, doch Roedelius lässt es nicht dabei bewenden und schafft ständig neue, spannende Klangwerke. Zuletzt erschien beim Label Bureau B das Album „Stunden“, das Roedelius gemeinsam mit Stefan Schneider (To Rococo Rot, Kreidler, Mapstation) aufnahm. Mit einer Energie, die manch Jungen alt aussehen lässt, komponiert und spielt Hans-Joachim Roedelius weiter. Beim diesjährigen Morphonic Lab wird er am 25. Oktober im Palais im Großen Garten mit seinem Auftritt bei der 13. Ausgabe des Festivals für laborative Klang- und Videokunst in seinen 80. Geburtstag hinein feiern.

Hans-Joachim Roedelius

Hans-Joachim Roedelius
Foto (C) Hylmar Möckel

debil Magazin: Wie begannen Sie nach Kriegsende, sich künstlerisch zu betätigen?
Hans-Joachim Roedelius: Nach dem Krieg versuchten meine Eltern, mir Klavierunterricht angedeihen zu lassen, aber mein Vater starb 1948, das Geld ging aus, das Klavier war immer verstimmt, was mich extrem nervte, und außerdem spielte ich die Stücke beim zweiten Mal nicht mehr vom Blatt, sondern aus dem Gedächtnis, was wiederum meine Klavierlehrerin extrem nervte. Dieses „künstlerische Intermezzo“ dauerte nicht lange genug, um wirklich Frucht zu bringen.

debil Magazin: Sie haben bis 1960 in der Sowjetischen Besatzungszone bzw. DDR gelebt. Aus der NVA haben Sie sich „verdrückt“ mit der Folge, dass Sie ins Gefängnis kamen. Danach arbeiteten Sie u.a. als Krankenpfleger, Sterbebegleiter und Heilgymnast. Aus der DDR sind Sie erst geflohen, als Sie eine Vorladung der Stasi Schlimmes ahnen ließ. Warum haben Sie es so lange im Arbeiter- und Bauern-Staat ausgehalten?
Roedelius: Ich bin 1958 nach zwei Jahren und zwei Monaten Haft vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen worden unter der Bedingung, ja nicht wieder in den Westen zu fliehen, sonst würde meine Familie darunter zu leiden haben (Androhung von Sippenhaft). Das war der Grund, weshalb ich erst 1960 endgültig nach Westberlin überwechselte, ein Jahr vor dem Bau der Mauer. Zu diesem Zeitpunkt war meine Familie bereits nach Dresden gezogen, womit ich keine Angst mehr zu haben brauchte, dass meiner Familie von Seiten der Stasi Ärger gemacht werden würde.

debil Magazin: Ihre Erfahrungen mit der Staatssicherheit sind u.a. mit Dresden verbunden, aber Sie haben auch einen positiven persönlichen Bezug zur Stadt, denn hier lebten Ihre Vorfahren wie der königlich-sächsische Militär-Apotheker Christian Gottlob Wilhelm Roedelius. Haben dieser Umstand und der Apotheker Roedelius eine spezielle Bedeutung für Sie?
Roedelius: Ja und zwar bezüglich meines Verhältnisses zu meinem eigenen Beruf, den ich, weil ich fest davon überzeugt bin, dass jedem Menschen mit seinem Namen die Bestimmung mitgegeben ist, als Fortführung der Tätigkeit meiner Ahnen sehe, von denen – wie sich in meiner Ahnenchronik verfolgen lässt – kaum einer in seinem Leben je eine Waffe berührt hat und die (fast) alle in geistigen Berufen zugange waren.

debil Magazin: Im „freien Westen“ haben Sie sich auf eine langjährige Wanderschaft durch Dutzende von Tätigkeiten und einige Länder begeben, waren u.a. Vertreter, Reiseleiter, Dachdecker, Masseur und Animateur. Gab es da das Gefühl, jetzt endlich alles tun zu können, was Ihnen Spaß macht, oder würden Sie diese Phase rückblickend eher als eine Art Suche verstehen?
Roedelius: Das geschah zunächst der Not gehorchend, denn mein ostdeutsches Staatsexamen wurde nicht anerkannt. Ich musste überleben und nahm quasi alles an, was mir dieses Überleben sicherte. Heute weiß ich aber, dass mir die Vielzahl dieser Tätigkeiten vor allem eins gebracht hat: Lebenserfahrung, ein profundes Wissen über den Menschen und über das, was er tut und leider auch immer wieder zu tun bereit ist. „Conditio humana“ ist das Stichwort zum Grund meiner künstlerischen Arbeit.

debil Magazin: In den späten 1960ern wurden Sie ein „Hippie“, waren in Westberlin Mitgründer der Musikkommune Human Being und des Zodiak, des ersten Zentrums der freien Underground-Kultur in Berlin. Zu dieser Zeit gaben Sie Ihren sehr erfolgreich ausgeübten Beruf des Masseurs auf. Was bewegte Sie dazu, einen unkonventionelleren Weg einzuschlagen?
Roedelius: Die Zeit des quasi sinnlosen Herumabenteuerns war einfach vorbei, die Suche hatte ein Ende, ich war da gelandet, wohin ich sollte.

debil Magazin: Ihr erster Liveauftritt an der Berliner Akademie der Künste wurde spektakulär abgebrochen, bei einem Konzert vor französischen Kommunisten auf Korsika sind Sie fast gelyncht worden. Wie haben Sie Ihre Mitmenschen so in Rage gebracht?
Roedelius: Es war nicht die Art der Performance von Human Being in der Akademie, obwohl das, was wir damals formal und klanglich zu bieten hatten, sicher nicht zur leicht verdaulichen Kost gehörte. Es war die Zeit. Es war der Ruf nach längst anstehenden, notwendigen Veränderungen in Politik und Kultur. Anders in Korsika. Die Jugendlichen in dem Camp, wo das Konzert stattfand, hatten einfach von ihrer Herkunft und Ausbildung her keinerlei Zugang zu dem „schrägen Zeug“, das ich anzubieten hatte. Den Krach der Autos von der nahe gelegenen Hauptdurchgangsstraße, den ich von einem Tonband abspielte, eingebunden in einen komplexen Klangkontext als Ton-Dokument der Zeit, das konnten sie nicht verstehen. Es war einfach zu viel verlangt und deshalb mussten mich Freunde vor ihrem Ärger retten.

debil Magazin: Was bewegte Sie damals 1969, ernsthaft mit Musik zu beginnen – hatten Sie Grundkenntnisse aus Schule/Elternhaus?
Roedelius: Es begann bereits 1967 noch vor der Gründung des Zodiak ernsthaft. Die wenigen Grundkenntnisse aus dem Klavierunterricht nach 1945 spielten keine Rolle. Ich musste und wollte im Herumprobieren, mit den damals zur Verfügung stehenden Geräten und Instrumenten, herausfinden, ob es möglich wäre, zu einer eigenen relevanten Tonkunst zu finden. Das ist mir ja auch nach und nach bestens gelungen.

debil Magazin: Später haben Sie „Einklang mit der Natur“-Konzerte gegeben, bei denen Sie an eher einsamen Orten Fröschen, Vögeln und Mücken Ihre eigenen Sounds vorspielten. Welche Erfahren haben Sie damit gemacht, welche Reaktionen bekommen?
Roedelius: Höchst vergnügliche Erfahrungen, denn mit jedem Konzert wurde klarer, wo es langzugehen hat und wie. Ich habe die Mücken und Frösche nicht gefragt, wie ihnen meine Musik gefallen hat, bin aber wegen späterer Erfahrungen aus Konzerten in der freien Natur sicher, dass zumindestens die Singvögel Gefallen daran finden, denn sie haben deutlich mit mir in der Musik kommuniziert.

debil Magazin: Mit welchem technischen Gerät arbeiteten Sie und nach welchen Kompositionsprinzipien?
Roedelius: Mit allem, was gerade verfügbar ist, bzw. für eine jeweilige Produktion notwendig erscheint und dabei, wie sonst immer auch, aus dem Bauch heraus. Ich lasse die Musik kommen, ich rufe sie nicht herbei, sondern lasse sie im Prozess des Entstehens zu dem hinwachsen, was innerhalb dieses Prozesses die Bedingungen bestimmt.

debil Magazin: Sie gelten ja als Elektronikpionier. Wie muss sich die iPad-Generation die Anfänge dieses Genres vorstellen?
Roedelius: Tonnen von Gerät!

debil Magazin: Mit dem Beuys-Schüler Konrad Schnitzler und Dieter Moebius gründeten Sie später Kluster, mit Möbius machten Sie als Cluster weiter. Würden Sie aus heutiger Sicht sagen, dass Sie mit Ihrem Werk etwas bewegt haben und wie waren die Reaktionen damals?
Roedelius: Aus den bei mir lagernden Bergen von reviews und anderen Mitteilungen woher auch immer geht eindeutig hervor, dass wir etwas bewegt haben, womit sich die Frage nach den Reaktionen erübrigt.

debil Magazin: Sie beschreiben Ihren Schaffensprozess selbst als eher intuitiv. Sie arbeiten mit Geräuschen, Tönen, Klängen, “aus dem Bauch”. Wie können wir uns diesen kreativen Prozess konkret vorstellen?
Roedelius: Der alte Knabe setzt sich hin und lässt es kommen.

debil Magazin: Sie haben mit vielen bekannten Klangtüftlern zusammengearbeitet, u.a. mit Brian Eno, Holger Czukay oder Michael Rother. Was haben Sie von diesen und anderen bekannten und weniger bekannten Kollegen gelernt?
Roedelius: Konzentration auf das Wesentliche.

debil Magazin: Ein Großteil der Künstler mit denen Sie zusammenarbeiteten, kommen im weitesten Sinne aus einem „popmusikalischen“ Hintergrund. Haben Sie sich auch mit der akademischen Seite, z.B. für Stockhausen, Xenakis oder als in Wien Lebender mit Schönberg, beschäftigt? Hat Sie diese stärker theoretisch gelagerte Musik beeinflusst?
Roedelius: Im Gegenteil. Wenn ich Musiken von diesen Komponisten hören musste, hat mich das gequält. Natürlich habe ich deshalb kaum das Bedürfnis entwickelt, mehr davon zu konsumieren womit ich sagen will, dass diese Komponisten durchaus auch klanglich Angenehmeres produziert haben mögen. Xenakis aber gehört zu denjenigen, die mein Verständnis von Musik/Komposition total umgekrempelt haben und sozusagen „mitschuldig“ daran wurden, dass ich jetzt selber Komponist bin.

debil Magazin: Gibt es bei all Ihren Werken – Sie haben über 100 Veröffentlichungen vorzuweisen – soetwas wie einen „roten Faden“ und wenn ja, worin besteht dieser.
Roedelius:Der Roedeliusfaden.

debil Magazin: Sie beschreiben Ihren Schaffensprozess selbst als eher intuitiv. Sie arbeiten mit Geräuschen, Tönen, Klängen „aus dem Bauch”. Wie können wir uns diesen kreativen Prozess konkret vorstellen?
Roedelius: Der alte Knabe setzt sich hin und lässt es kommen.

debil Magazin: Was können die Besucher des Morphonic Lab in Dresden von Ihrem Auftritt erwarten?
Roedelius: Einen Opa in strahlender Laune mit dem Wunsch im Herzen, ein für diesen Auftritt inhaltlich und formal bestens ausgereiftes Werk abzuliefern. Visuell begleitet mich der nicht ganz unbekannte Wiener VJ Florian Tanzer vom Videokunst-Duo Luma Launisch.

debil Magazin: Am Sonntag nach dem Konzert gestalten Sie eine Lesung im Altem Wettbüro in Dresden. Tragen Sie ausschließlich eigene Gedichte vor oder werden Sie sich auch zu Ihrer Biografie und zu der Verbindung zu Dresden äußern?
Roedelius: Beides, ich lese eigene Poeme und Zitate aus meiner Autobiografie, und wenn’s Fragen aus dem Publikum gibt, werde ich gerne darauf antworten.

debil Magazin: Sie feiern am 26. Oktober Ihren 80. Geburtstag. Welche Pläne haben Sie denn für die nächsten zwanzig Jahre?
Roedelius: Weiter so wie bisher.

Vielen Dank für das Interview!

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