Ein schönes Wochenende – Party auf Schloss Nickern

13. Januar 2005

„Schloss Nickern ist zurück!“ hieß unsere Botschaft und offensichtlich wurde sie verstanden. Der Andrang, den das alte Gemäuer am letzten Freitag sah, war mehr, als wir je erwarten konnten. Schon allein deshalb nicht, da wir effektiv gesehen vom ersten Gespräch mit dem Vermieter bis hin zur Veranstaltung gerade einmal sechs Wochen Zeit hatten. Und ganz im Ernst – wirklich viel Werbung haben wir nicht gemacht, konnten es auch nicht. Denn bei einer Veranstaltung wie im Schloss ist das „unternehmerische Risiko“ nicht zu unterschätzen. Zwar waren sich die meisten schnell einig, dass die Party ein Selbstläufer wird, was wäre aber passiert, wenn es anders gekommen wäre? Die Miete für die Räume und die Technik, sowie all die Kosten für Deko, Sprit etc. hätten wir aus eigner Tasche bezahlen müssen, ganz zu schweigen von dem riesigen, „umsonst betriebenen“ Arbeitsaufwand. Zum Glück ist es anders gekommen – und wenn wir nicht zumindest gehofft hätten, dass wir Erfolg haben, hätten wir das Ganze sicher auch bleiben lassen. Unabhängig vom Geld aber, dass heutzutage in Szene und Gesamtgesellschaft immer mehr zum limitierenden Faktor wird, fehlt es meines Erachtens nach häufig an dem, was man als „Spirit“, als „Geist“ unserer dunklen Vereinigung bezeichnen könnte. Wie in allen Bereichen unseres kapitalistischen Alltages stehen sich Produzenten und Konsumenten gegenüber, bei der die einen ein Angebot unterbreiten und die anderen es annehmen oder halt nicht. Was auffällig ist, und das gilt wie gesagt nicht nur für die Szene, es findet eine immer stärkere Trennung zwischen den beiden Gruppen statt. Im Großen sind die Konsumenten dabei meist abhängig von dem, was sie vorgesetzt bekommen – ein Auto z.B. baut man sich so schnell nicht alleine. Im Kleinen ist es häufig so, dass der Konsument den Produzenten / Verkäufer seine Macht spüren lässt und ihm die Bedingungen diktiert. Motto: Wenn Du das nicht genau so machst, wie ich will und zu dem Preis, den ich mir vorstelle, dann geh ich halt woanders hin, wo mir meine Wünsche erfüllt werden. Was bleibt diesem Anbieter übrig, als sich zu fügen, will er den Kunden nicht verlieren? Im kulturellen Bereich tendiert das Ganze in die letztere Richtung.

Als Produzent hat man quasi die Pflicht dazu, herauszubekommen, was der Gast / Käufer will, denn nur so lässt sich ein adäquates Angebot unterbreiten. Das führt dazu, dass selbst in unserer ach so unabhängigen Szene die übelsten Mechanismen der Konsumgesellschaft greifen und von den Aktiven auch ganz bewusst angewandt werden. Das Geheimnis besteht darin, Bedürfnisse zu wecken bzw. zu konstruieren, die man dann auch selbst erfüllen kann. Im Rahmen unserer geschlossenen Gesellschaft funktioniert das, indem im Verbund mit Szenezeitschriften, Agenturen, DJs etc. Stars aufgebaut werden, unabhängig davon, ob sie etwas zu sagen haben oder nicht. Zugespitzt betrachtet werden hier Produkte auf den Markt geworfen. Das mag bei Motorrädern, Waschmitteln oder Damenbinden in Ordnung gehen, gute Kunst funktioniert so nicht. Nun kosten solche Aktionen immer viel Geld, dass dann wieder an anderer Stelle fehlt. Wenn aber bestimmte Sachen nicht mehr angeboten werden, sinkt die Nachfrage und damit auch der Grund, sie anzubieten. Am Ende heißt es: Das will doch niemand mehr hören oder sehen oder kaufen. Thema abgehakt. Und hier setzt mein Problem mit den Produzenten ein: Wie auch immer geartete „schwierige“ Sachen werden gar nicht angefasst, da man sich ja sowieso sicher ist, dass das keiner will. Seltsamerweise trifft das immer die Dinge, die ich für relevant halte, denn gute Kunst ist immer auch ein Stück schwierig. Längerfristig verschwindet Nicht-Angebotenes aus dem Bewusstsein, spätestens die nächste Generation ist völlig unbelastet.
(Ich denke da an einen hübschen Szenewitz, der mal im Zillo(!) als Comic dargestellt war. Sie: Sie könnten auch mal wieder was Altes spielen… Er: Ja, Bauhaus wäre toll! Sie (verständnislos): Was hat das mit ’nem Baumarkt zu tun?)

Für die Produzenten hat die Rundumversorgungsmentalität den Vorteil, dass die Konsumenten immer berechenbarer werden, das unternehmerische Risiko nimmt ab. Nun braucht man nicht darüber diskutieren, dass es keinen Sinn macht, in Schönheit zu sterben, aber ein wenig mehr Mut und Enthusiasmus anstelle des Blicks auf die Dividende schadet nichts.

Den Konsumenten ist vorzuhalten, dass sie sich gegen diese Verflachung zu wenig wehren. Als „alter Sack“, wie mein Mitstreiter warholy uns Szeneveteranen immer so liebvoll bezeichnet, habe ich natürlich eine ganz andere Sozialisation durchlebt, als die heute 15-, 18- oder 25-Jährigen. Für uns gehörte es vor der Wende noch dazu, sich mit den Hintergründen, der Ideenwelt einer Band zu beschäftigen. Häufig genug saßen wir stundenlang vor unseren Radios und versuchten, ein neues Stück zu erhaschen oder versuchten gemeinsam mit Freunden die nur dürftig verstandenen Texte zu übersetzen. Selbstverständlich möchte ich diese Zeit nicht zurückhaben, denn vieles, was ich heute tue, hätte ich damals gar nicht machen können. Eine Gothic-Party im Stile des „Le Chateau Noire“ wäre mit oder ohne staatliche Erlaubnis nicht denkbar gewesen. Doch scheint mir durch das heutige Überangebot, durch die ständig verfügbaren mundgerechten Häppchen für jeden Geschmack, die Intensität der Beschäftigung mit der Materie stark nachgelassen zu haben. (Was übrigens für alle Bereiche gilt.) Persönlich kann und will ich mir nicht vorstellen, was es heißt, in einer Gesellschaft aufzuwachsen, in der nur der nächste (natürlich noch stärkere) Kick zählt und ich meine Identität dem jeweiligen Anlass anpassen kann. Dass soll nicht heißen, dass ich als Grufti nicht zu einem HipHop-Konzert gehen darf, aber eine vollkommene Transformation zum Die Hard-HipHop-Anhänger für einen Abend finde ich schon etwas seltsam. Wie auch immer, ich denke, die, die heutzutage in der Szene unterwegs sind, haben andere und keineswegs leichtere Probleme zu lösen, als wir damals. Manchmal fällt es uns schwer das zu kapieren und uns, auch wenn es noch nicht so lange her ist, an unsere eigene Selbstfindungsphase zurückzuerinnern (die vielleicht noch nicht einmal abgeschlossen ist). Da würde ich mir etwas mehr Toleranz von Seiten der „alten Säcke“ wünschen.

Kommen wir aber zurück zum Konsument/Produzenten-Thema. Um es mal an einem meiner Lieblingsbeispiele plastisch zu machen, möchte ich ein paar Gedanken zum Ernährung aufführen, die sich in alle anderen Bereiche übertragen lassen. Prinzipiell dürfte es ja jedem Menschen klar sein, dass gesunde Nahrung für ihn das Beste ist. Nun hat sich unsere Gesellschaft aus vielen Gründen arbeitsteilig entwickelt, d.h., dass ein Großteil der Menschen mit der Produktion der Lebensmittel nichts mehr zu tun und diese Aufgabe an Spezialisten delegiert hat. Bis hierher ist das nicht weiter tragisch. Leider ist es nun aber so gekommen, dass die Ernährung wie viele andere Lebensbereiche auch eine Industrie geworden ist. Im Kapitalismus, in dem wir leben, zählt zuvorderst der Profit, also wird mit immer weniger ökonomischen Einsatz immer mehr Gewinn angestrebt. Dabei bleibt zwangsläufig die Qualität auf der Strecke. So müssen z.B. in einer Hühnermastanlage massiv Antibiotika eingesetzt werden, um evtl. Seuchen zu verhindern. Medikamente, die sich dann im Broiler oder Frikassee wiederfinden, logischerweise. Der Ökobauer kann zu den gegebenen Kosten nicht produzieren und geht demzufolge ein, sobald die Konsumenten nur auf die Preise achten. (Zum Glück findet in der Realität gerade eine Gegenentwicklung statt.)

Betrachtet man sich die Mechanismen genau, so kann man sie auf die Szene anwenden. Dazu kommt aber noch ein anderer Fakt: Wie bei industrieller Nahrung auch erwarten Kunden zunehmend nichts mehr selbst tun zu müssen (außer das Einkaufen) und für ihr Geld immer das Gleiche zu bekommen. Selbstverständlich haben sie das Recht dazu, adäquate Leistung zu erhalten, schließlich müssen sie mehr oder weniger hart für das Geld arbeiten. Nur sind wir halt keine Industrie sondern eine Ansammlung von Individualisten. Meines Erachtens sollten die Konsumenten nicht mit der Einstellung „nun unterhaltet mich mal, ich hab ja bezahlt“ hinkommen sondern denen, die sich da produzieren immer erlauben, eigene Vorstellungen auszuleben. (Ich hasse es, mich zum reinen Dienstleister degradieren zu lassen.) Im besten Falle treffen sich beide Auffassungen oder mensch lernt zumindest etwas hinzu. Wenn nicht, geht man entweder nicht mehr hin, sagt dem Produzenten Bescheid (als freundlicher Hinweis und nicht als Befehl), packt mit an oder stellt selber was auf die Beine. Die letzteren Szenarien sind dabei sicher die besseren.

Um das ganze Geschwafel noch einmal zusammenzufassen: Ich denke, in unserer Szene müssen wir die leider in der Gesellschaft sehr verfestigten Schranken zwischen Produzenten und Konsumenten zumindest ein Stück weit abtragen. Wir müssen alle wieder neugieriger und offener werden und die Veranstaltungen nicht als Berieselung sehen, sondern als Feste. Das geht natürlich nur, wenn man sich wohl fühlt. Ist dem nicht so, liegt das entweder an einer grundsätzlichen Unverträglichkeit mit Raum, Team oder Musik oder man muss den Machern helfen evtl. Fehler abzustellen. Wer der Meinung ist, dass seine ganz speziellen Wünsche nicht erfüllt werden, der ziehe sich nicht in die Schmollecke zurück, sondern suche sich Verbündete und setze seine Ideen selbst um. Die Veranstaltung am Wochenende hat mir gezeigt, dass die Szene immer noch genügend Potential hat, mir Freude zu bereiten und Energie zu geben. Energie, die ich wieder in neue Aktionen stecken kann. Und es hat sich wieder gezeigt, dass es noch immer Leute gibt, die ohne lange zu diskutieren und ohne Handaufhalten einfach mit anfassen. Solange dieser „Spirit“ lebt, werden wir weitermachen. Danke an Euch!

PS:
Es gibt noch eine Vielzahl anderer Dinge, die man im Kreise der Freunde unternehmen kann. Man muss nicht unbedingt jeden Freitag und Samstag auf eine Party rennen. Szene findet auch abseits der Tanztempel statt!

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