The Distortion Of Sound (Documentary) – Und ein Kommentar dazu

www.distortionofsound.com

Thanks to Jan Kruml of Instinct Primal for sharing this on Facebook.

Music was my first love…

Der untenstehende Text (den ich ein klein wenig geglättet habe), erschien im Buch „Various Artists By Various Artists. Ich liebe Musik“ (Herausgeber Jörg Hiecke | Blue Room Records, Notschriften Verlag Radebeul, 1999, ISBN 3-933753-08-02). Jörg, der zu dieser Zeit zu den Stamm-DJs des Studentenclubs Bärenzwinger gehörte, hatte Freunde und Bekannte – darunter auch mich – gebeten, ein für sie wichtiges Lied auszuwählen, das mit einer wichtigen Erinnerung, einem Erlebnis oder einer Situation verbunden ist und dazu einen Text / eine Geschichte zu schreiben. Dabei ist einiges Spannendes herausgekommen, vielleicht bekommt Ihr das Buch ja noch irgendwo im Handel.

Dass ich hier meinen Text wiederveröffentliche, hat vor allem damit zu tun, dass ich über obiges Video nachgedacht habe. An diesem hat mich ehrlich gesagt weniger die Vorstellung vom hart arbeitenden Musiker beeindruckt, denn viele, die hier im Video auftauchen, haben die fetten Jahre der Musikindustrie weidlich genutzt, haben als Stars auf großem Fuß gelebt und sich von ihren Fans einen luxuriösen Lebensstil finanzieren lassen. Nun bleibt am Ende weniger übrig als früher und das Geheule ist groß. Dabei sind gerade diese Musiker noch gut dran, schließlich sind sie populär und verkaufen immer noch reichlich. Für Newcomer ist es ungleich schwerer geworden, mit den eigenen Werken das große Geld zu verdienen aber dies ist auch nicht der Hauptaspekt, der mich interessiert.

Die schlechtere Qualität der Musik, die über billigste Geräte abgespielt nur noch ein Schatten ihrer selbst ist, lässt sich sicher auch beklagen, doch liegt auch hier nicht der Kern des Problems, denn in meiner Jugendzeit waren die für Teenager erschwinglichen bzw. im Osten überhaupt verfügbaren Abspielgeräte ebenfalls alles andere als Hifi-Wunder. Tatsächlich anders war aber der Umgang mit und die Wertschätzung für die künstlerische Äußerung Musik. Wir haben – und man verzeihe mir hier das vereinnahmende „wir“ – die Musik ernsthaft geliebt, über Jahre immer wieder gehört, uns mit den Texten beschäftigt und eine regelrechte „Fernbeziehung“ zu den Musikern aufgebaut. Dies scheint heute nicht mehr so zu sein.

Im Video wird von einer McDonaldisierung des Musikkonsums gesprochen. Das ist sicher richtig, man stopft sich schnell voll mit neuen Sounds, der Genuss geht verloren. Die schiere Menge des Angebotes – was ja an sich nicht schlecht ist – und die ständige Verfügbarkeit der Musik tragen sicher zu diesem Fast-Food-Umgang bei, ebenso die mit diese Masse notwendigerweise verbundene Abnahme an Qualität. Aber auch das scheint mir nicht das Problem zu sein, schließlich haben wir als Teenager auch allerhand Musik gehört, die man mit weitergehender Musikbildung eigentlich nur als peinlich bezeichnen kann.

Ich möchte behaupten, dass die Popmusik (so will ich mal alle diese Phänomene zusammenfassen) bei den heutigen Jugendlichen an Bedeutung verloren hat. Zum einen gibt es kaum noch die „großen Bands“, auf die sich ein überwiegender Teil der Adoleszenten einigen kann (das geht bis in die Szenekultur hinein, wo die übergreifenden Identifikationsfiguren fehlen). Zum anderen wird die Musik – und hier liegt meines Erachtens die Wurzel des Übels – nur noch als austauschbarer „Content“ wahrgenommen. Vor einiger Zeit las ich einmal einen Artikel, der genau dieses Phänomen beschrieb: Das neue Smartphone ist das Statussymbol, das einmal die ausgefeilte Plattensammlung war. Die Musik ist nur noch eine Art Software, mit der man das Gerät bespielen kann und die schnell durch ein neueres Produkt ersetzt wird. Das ist sicher traurig aber momentan sehe ich da wenig Änderung in Sicht. Der Hang zum einfachen Konsumieren in allen Lebensbereichen, der knackige Blogbeitrag anstelle des die Gehirnwindungen beanspruchenden Buches, der eingängige Hit anstelle des Aufmerksamkeit einforderndes Albums, die quasi immer gleiche Folge einer Serie anstelle eines anspruchsvollen, die Sehgewohnheiten herausfordernden Filmes – das ist wohl der Zeitgeist. Wohin das führt? Wir werden sehen.

Erinnern wir uns aber gelegentlich daran, dass es einmal anders war…

„Auf dem Dach (der Welt?)“

Als ich gefragt wurde, ob ich nicht Lust hätte, an diesem Projekt mitzuwirken, sagte ich natürlich sofort zu. Und damit fingen meine Probleme an. Seit meinem zwölften oder dreizehnten Lebensjahr beschäftige ich mich mehr oder weniger intensiv mit Musik und mein Geschmack bzw. meine Vorlieben haben sich seitdem stetig verändert. Es gab dabei immer wieder Lieder, die zu einem bestimmten Zeitpunkt besonders wichtig für mich waren. So erinnere ich mich, an Anne Clarks „Nothing At All“ gespielt bei ihren ersten Auftritt in Dresden, den ich miterleben durfte [1]. Ich musste heulen. Wer hätte wenige Jahre zuvor daran gedacht, dass man hinter den eisernen Vorhang gelangen könnte, um ein solches Konzert zu besuchen. Geschweige denn daran, direkt vor der Haustür die Möglichkeit dazu zu haben. Falls überhaupt mal ein „Star“ aus dem NSW („nicht-sozialistischen Wirtschaftsgebiet“) kam, brauchte man viel Vitamin B oder eine Empfehlung der Bezirksleitung der „Freien Deutschen Jugend“ [2]. Naja, jedenfalls was in der Art. Außerdem lebte ich auf dem hinterletzten Dorf und da war selbst Leipzig als Bezirksstadt weit weg. Aber ich schweife ab. Eigentlich wollte ich nur verdeutlichen, dass die eingangs erwähnte Aufgabe, ein für mich wichtiges Lied auszusuchen, mir ernsthaft Schwierigkeiten bereiten sollte.

Dass ich mich dann für „If You Want“ von Depeche Mode entschied, hat mehr symbolischen Charakter. Ich hörte den Titel das erste mal in einer Spezialsendung auf RIAS2. Bei der Gelegenheit saß ich nicht im Sessel vor der heimischen Stereoanlage, sonder auf dem kalten, zugigen Boden unseres Mietshauses, einen besseren Empfang als in der Wohnung erhoffend. Vor mir stand das elterliche Radio, Marke Stern Elite 2000, auf die UKW-Frequenz 91.3 MHz eingestellt. Über ein schmutzig-weißes fünfpoliges Überspielkalbel war das Radio mit einem „anett“-Recorder verbunden, der zwar ein eigenes aber viel zu schwaches Radio hatte. Um aufzunehmen, musste man die ABSPIEL- und die große [3] rote AUFNAHME-Taste gleichzeitig drücken, was sich mit einiger Gewalt bewerkstelligen ließ. Zur Qualität der 20 Mark teuren Original-Wolfen-Kassetten (ORWO) sage ich lieber nichts.

So hockte ich denn frierend vor meinem Volksempfänger und hoffte auf den angekündigten Beitrag. Depeche Mode waren meine erste große musikalische Liebe und ich ein echter Fan. Am Ende der Sendung hatte ich drei oder vier neue Titel, darunter „If You Want“ und ich war glücklich, trotz des hohen Rauschpegels der Aufnahme…

Schaue ich heutzutage in meinen Plattenschrank, frage ich mich schon manchmal, ob all die Platten, die da stehen, ihre Berechtigung haben. Auf vieles könnte ich sicher verzichten aber nicht auf Depeche Mode, auch wenn ich die Platten heute eher selten auflege. Wenn ich es dann doch tue, staune ich selbst, wie viele Texte ich praktisch noch auswendig mitsingen kann. Ich erinnere mich an Gespräche mit Freunden. Wie wir unsere verschiedenen Versionen – die Texte lagen nur in den seltensten Fällen in schriftlicher Form vor – verglichen und uns um Worte stritten, um die Interpretation des Gehörten. … Ist das wirklich erst zehn Jahre her?

Depeche Mode hat mich auch weiterhin begleitet oder sollte ich lieber sagen, ich sie? Einen besonderen Glücksmoment erlebte ich beim Erscheinen des 1997er Albums „Ultra“. Ich gönnte mir den Luxus, „Ultra“ am Tag der Veröffentlichung zu erwerben. Es war irgendein 25ster. Als ich in der Musikabteilung des Kauftempels nach der CD greifen wollte, stieß ich fast mit einem jungen Mann meines Alters zusammen. Wir schauten uns an und lächelten vielsagend. Was für ein Traum, die Musik, die man liebt, auf kleine silberne Scheiben gepresst mit nach Hause zu nehmen und im stillen Kämmerlein zu genießen. Allein. Wenn man Zeit hat…

PS: Das Traurigste an der Entwertung der Musik ist, die meines Erachtens so richtig mit dem Aufkommen der CD und deren leichter Kopierbarkeit in Fahrt gekommen ist, dass sie es wie kein anderes Medium versteht, Gefühle zu transportieren. So geht uns im Konsumrausch ein Stück Emotionalität und damit ein Stück unseres Lebens, unseres Menschseins verloren…

[1] Das muss 1991 gewesen sein.
[2] Das eine, legendäre Konzert von Depeche Mode, 1987 an die Berliner Werner-Seelenbinder-Halle war wohl solch ein Fall, bei dem echte Fans gar ein Motorrad zum Tausch gegen ein Ticket geboten haben sollen. Aber auch beim Udo Lindenberg-Konzert, der Sänger war jedoch nie mein Fall – sollen zahlreiche Funktionäre drin gesessen haben, die eher uninteressiert dem Konzert folgten, während die Fans in die Röhre schauten. Bei einem Open-Air-Friedens-Konzert in Dresden – ich glaube, es war 1988 – habe ich Fischer Z live gesehen, auch ohne FDJ-Hilfe. Wie es bei dem berühmten Bruce Springsteen-Auftritt um die Kartenverteilung bestellt war – ich weiß es nicht….
[3] Die Tasten waren selbstverständlich gleich groß, nur kam mir die rote wohl größer vor.

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