Hast Du unter all Deinen "Kindern" einen Liebling oder behandelst Du alle gleich?

Im Grunde haben alle Tonträger ihre Berechtigung und ich bereue im Nachhinein keine Veröffentlichung. Natürlich gibt es vor Allem handwerkliche Dinge, die ich heute anders machen würde, wenn ich mir heute beispielsweise "Eingang" anhöre, das Material darauf gehört zusammen mit "Brot und Lügen" zu den ersten Aufnahmen, welche unter dem Namen N.Strahl.N entstanden sind. Der Liebling, wenn man so will, ist meist das jeweils aktuelle Werk. Mit dem Abstand kann sich das ändern.


Welche Bedeutung kommt den Titeln der Stücke zu? Sind die zuerst da oder fallen die Dir zu Deinen Stücken ein?

In den meisten Fällen ist erst das Tonmaterial da. Bei den Konzeptwerken kann es auch schon mal umgekehrt sein. Gibt es keinen konzeptionellen Rahmen, können die Titel auch durchaus bewusst offen oder abstrakt gehalten sein, um Raum für Interpretationen zu lassen, oder es gibt überhaupt keinen Titel.

 


Bei einigen Veröffentlichungen, wie beim "Anschwellenden Bocksgesang" ist offensichtlich, dass vor Arbeitsbeginn ein Konzept vorhanden war. Warum hast Du Dich gerade mit diesem Essay von Botho Strauß beschäftigt? Ich hab's gelesen und ich muss gestehen, ich hab bis auf die Medienkritik nicht viel kapiert…

Der Essay hat mich auf eine ganz eigene Weise beeindruckt, auch die Tatsache, dass er einst im "Spiegel" abgedruckt wurde. Generell kann man sagen, dass ich eine gewisse Vorliebe für "Querdenker" habe. Besonders die Konservativen, die, wenn man es mal genau betrachtet, sozusagen die einzig verbliebenen Querdenker sind. In unserem heutigen, stark "links" geprägten 84er-Zeitgeist, genügt also ein vergleichsweise gemäßigter Text wie der genannte Essay von Strauß, um Empörung hervorzurufen und Kinnladen herunterfallen zu lassen. Außerdem muss es ja nicht immer ein Jünger oder ein Evola sein, die wurden im post-industriellen Umfeld schon beinahe überstrapaziert und es erschien mir ganz spannend, einen aktuellen Denker zu thematisieren. Die Medienkritik, die Kritik an der systematischen Gehirnwäsche, der verordneten Denkverbote, am stillen Einverständnis als Machtfaktor und gleichzeitig das Heraufbeschwören eines "Informationskrieges" erschienen mir im übrigen auch als Kern des Ganzen und wurde demnach zum Kern des Albums.


Wie setzt Du einen Gedanken musikalisch um? Wann hast Du den Eindruck, dass das "rüberkommt", was Du Dir dabei gedacht hast?

Das geschieht freilich immer sehr subjektiv und letztendlich liegt es am Hörer, wie er etwas aufnimmt. Erfahrungsgemäß kann das sehr verschieden sein. Das ist ja auch ganz gut so. Natürlich gibt es bei Konzeptwerken eine sehr breite Palette an Stilmitteln, die bestimmte Stimmungen oder auch Themen besonders zum Tragen bringen. Aber meist finde ich es spannender, mich ganz auf die Musik zu konzentrieren.


Im Interview mit Tobias Fischer nanntest Du neben Asmus Tietchens Esther Venrooy als Einfluss. Kannst Du uns etwas zu ihr sagen? Welche Musiker / Künstler würdest Du unseren Lesern noch ans Herz legen?

Die Werke Tietchens´ und seine Herangehensweisen, ich denke da insbesondere an seine "Hydrophonien", halte ich auf dem Gebiet der Experimentellen Musik schon für sehr wichtig und sicherlich hatten sie auch einen gewissen Einfluss auf N.Strahl.N, obwohl ich mich erst relativ spät wirklich intensiv damit beschäftigt habe. Sehr inspirierende Hörerlebnisse gab es auch beispielsweise mit Platten von Aube, Merzbow und Werkbund.
Bei Esther Venrooy sieht das etwas anders aus. Als Einfluss habe ich sie jedenfalls nie genannt. Ich lernte sie 2007 bei einem gemeinsamen Konzertabend in Köln kennen und war recht angetan von ihrem Auftritt und einigen ganz ähnlichen Ideen in Bezug auf Musik. So arbeiteten wir zum Beispiel, ohne voneinander zu wissen, etwa zur gleichen Zeit mit William Burroughs-Samples und Kurzwellenaufnahmen an Werken, die beide "Shift Coordinate Points" heißen sollten. Aber das ist im weiteren "Post-Industrial"-Umfeld vielleicht auch nichts Besonderes.
Um auf den letzten Punkt zu kommen: immer wieder schön finde ich neben den "großen Namen", die die Leser sowieso kennen dürften, beispielsweise die Veröffentlichungen der Labels (T)Reue um (T)Reue, Bunkier Productions, Tosom und Apocalyptic Radio / The Tourette Tapes. Flutwacht-Alben sind meiner Meinung nach immer eine Anschaffung wert. Ansonsten habe ich in letzter Zeit sehr gerne Industrielles aus Russland, etwa von Bardoseneticcube, Linija Mass oder Kryptogen Rundfunk gehört.

 

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